Montenegro: Die Nikšićer Bahn von Podgorica (Titograd) nach Nikšić

Vorbemerkungen
Endlich einmal ein positives Signal vom sonst so dahinsiechenden Eisenbahnwesen am Balkan: Die „Nikšićer Bahn“ von der Hauptstadt Podgorica (vormals Titograd, dt. Potgoritz, 143.718 Einwohner) in die zweitgrößte Stadt des Landes Nikšić (dt. Nixitz, 58.649 Einwohner, früher weiter als Schmalspurstrecke nach Bosnien) wurde nach jahrelangem Stillstand des Personenverkehrs nicht abgebaut sondern elektrifiziert und umfassend saniert. Am 1. Oktober 2012 erfolgte die offizielle Wiedereröffnung, die Kosten der Sanierung betrugen knapp 70 Millionen Euro.

Einige Daten und Fakten
Streckenlänge 56,6 km
Eröffnung als Schmalspurbahn am 13. Juli 1958, Anschluss ans Bosnische Schmalspurnetz von Nikšić – Petrovici – Bileca – Trebinje – Hum – Gabela (an der Bahnlinie Ploce / Kardeljevo – Mostar – Sarajevo) fertiggestellt seit 12. Juli 1938
Umspurung auf Normalspur, Eröffnung derselben am 29. November 1965
Einstellung / Abbau der Schmalspurstrecke von Nikšić Richtung Bileca – Hum Mitte der 1970er Jahre
Einstellung des Personenverkehrs Titograd (Podgorica) – Nikšić 1992, nur mehr Güterverkehr (vor allem Bauxit von einem Tagebau in Nikšić zur Aluminiumhütte in Podgorica)
Neueröffnung für den Personenverkehr nach Elektrifizierung und Sanierung am 1. Oktober 2012
Reaktivierung der ehem. Schmalspurstrecke nach Bosnien-Herzegowina ist angedacht, ebenso eisenbahnmäßiger Anschluss der Stadt Dubrovnik
Anzahl der Tunnel: 12, der längste mit einer Länge von 1.260 m
Fahrzeit Gesamtstrecke: Ca. 1 Stunde 10 Minuten
Anzahl der täglichen Verbindungen: 7 Zugpaare. Im Juni 2015 werden davon ab Nikšić 3 Züge über Podgorica hinaus nach Bar durchgebunden, umgekehrt 2 Züge ab Bar verkehren direkt nach Nikšić
Eingesetztes Wagenmaterial (Stand Juni 2015): Die Zeit der lokbespannten Züge scheint nach dem Ankauf von 3 modernen Niederflurtriebwagen des spanischen Herstellers CEV vorbei zu sein. Diese neuen Triebwagen werden im Wechsel mit den alten lettischen/russischen Triebwägen der Baureihe 412 eingesetzt.
Betreiber: Željeznica Crne Gore (ŽCG), die staatliche Eisenbahngesellschaft von Montenegro als Nachfolger der jugoslawischen Staatseisenbahn Jugoslovenske Železnice (JŽ)
Fahrgäste: Die Züge sind gut frequentiert und können zukünftig sicher noch deutlich mehr Fahrgäste von den in dichter Folge fahrenden Bussen abziehen. Somit sollte ein Stundentakt hinkünftig keine Utopie mehr darstellen
Update 2026: Es gibt täglich 5 Verbindungen Podgorica-Niksic.
Die neuen CAF Triebwagen aus Spanien. Der Innenraum erinnert an die Stadler-Triebwägen. Der 3-teilige Triebwagen hat eine Kapazität von 176 Sitz- und 179 Stehplätzen. Die Wagen sind niederflurig und klimatisiert und haben auch ein geschlossenes Abwassersystem. Die Ausstattung ist eher basic, dh. keine Tischen oder Abfallbehälter am Platz, keine Steckdosen und nur kleine und wenige Displays mit Anzeige der Haltestellen. Die Durchsagen der Haltestellen erfolgen auch in Englisch.


Im Vergleich zu Serbien sind die Triebwägen aussen kaum mit Graffities beschmiert und innen relativ sauber. Teilweise lassen sich die Fenster nach oben hin aufschieben (dennoch ungutes Gefühl beim Fotographieren, das Fenster hängt wie eine Guillotine über dem Nacken des Fotographen), teilweise sind die Fenster als Kippfenster ausgeführt. Einsätze hauptsächlich auf der Strecke nach Nikšić und von Podgorica nach Bar, teilweise aber auch nach Bijelo Polje.


Stationen
Insgesamt werden inklusive der beiden Endbahnhöfe 12 Stationen bedient, nämlich
Podgorica (vormals Titograd, dt. Podgoritz), km 0,0, 45 m.ü.d.M.
Pričelje
Spuž
Ljutotuk
Danilovgrad (dt. Kuppelnitsch)
Slap
Bare Šumanovića
Šobajići
Ostrog
Dabovići
Stubica
Nikšić (dt. Nixitz), km 56,6, 630 m.ü.d.M.

Kleine Streckenbeschreibung
Die Fahrt von Podgorica nach Nikšić ist zwar nicht so spektakulär wie die Fahrt über das Gebirge mit der Bahn von Podgorica Richtung Belgrad, aber dennoch interessant. Auch der Tunnelfreund kommt mit 12 Tunnels auf seine Kosten.
Der Bahnhof von Podgorica ist ein Relikt der kommunistischen Tito-Ära, ein Betonplattenbau und architektonisch nicht gerade ansprechend. Als Hauptstadtbahnhof ist er wahrlich schmalbrüstig und sollte doch schleunigst an die neue Zeit angepaßt werden. Beispielsweise täten elektronische Abfahrtsmonitore nicht schlecht, auch Durchsagen in englischer Sprache wären fein. Was Modernität anbetrifft so braucht man nur über die Strasse zum neuen Autobusterminal zu schauen. Der Bahnhof beherbergt die Direktion der Montenegrinischen Eisenbahnen sowie ein Bahnhofsbuffet.


Die ersten ca. 2 km verlaufen die Gleise der Belgrad-Bar Eisenbahn und der Bahn nach Nikšić nebeneinander her gen Nordosten. Dann schwenkt die Bahn nach Nikšić in einer langezogenen Schleife nach links nahezu nach Westen von der Bahnlinie gen Belgrad ab.
Der danach durch Podgorica fliessende Fluß Morača wird auf einer Eisenbrücke übersetzt und die Gleise verlaufen nun entlang des mäandrierenden Flusses Zeta durch die Zeta-Ebene (auch Bjelopavlićko-Ebene genannt), einem fruchtbaren und landwirtschaftlich genutzten Landstrich, nahezu eben dahin. Das Fürstentum Zeta, welches als Keimzelle des späteren Staates Montenegro gilt, verdankt dem Fluss seinen Namen. Die Zeta entspringt nahe Nikšić und mündet vor Podgorica als größter Nebenfluß in die Morača.

Die Gemeindegrenze Podgorica – Danilovgrad wird passiert, die folgenden Haltestellen liegen alle im Gemeindegebiet von Danilovgrad, einer Stadt mit 5.208 Einwohner und Zentralort einer Großgemeinde (opština) mit 16.523 Bürgern. Der alte deutsche Name lautet Kuppelnitsch.




Nach Danilovgrad verläßt die Bahnstrecke die Zetaebene und gewinnt mittels zweier Lehnenstrecken an Höhe, zwischen denen eine buschbedeckte Hochfläche in weiten Bögen durchfahren wird. Die erste Lehnenstrecke weist 1 Tunnel mit einer Länge von 198 m auf (Tunnel 1). Die Station Slap wird erreicht.



In einer weitgezogenen Linkskurve wird die Haltestelle Bare Šumanovića erreicht, ein einfacher Unterstand, wo auch jemand ausgestiegen ist. Danach folgt Tunnel 2 mit einer Länge von 57 m. Nächster Halt ist Šobajići, ebenfalls ein einfacher Unterstand.


An der 2. Lehnenstrecke wird nach der Haltestelle Šobajići nach einer langgezogenen Linkskurve ein Felssporn in einem 90 m langen Tunnel (Tunnel 3) durchfahren. Tunnel 4 weist eine Länge von 460 m auf.

Der Bahnhof Ostrog mit gepflegt wirkendem gemauerten Aufnahmsgebäude, eignet sich als Ausgangspunkt für das in der Nähe liegende Kloster Ostrog, einer Top-Destination für Pilger und Touristen, dessen Potential längst nicht ausgeschöpft ist. Das 1656 gegründete, am Felsen des Prekomica Gebirges klebende, Kloster bewahrt den Körper des heiligen Vasilije auf ist eines der bedeutendsten Klöster der serbisch-orthodoxen Kirche.

Nach dem Bahnhof Ostrog wird Tunnel 5 mit einer Länge von 107 m durchfahren, gefolgt von einer markanten Eisenkastenbrücke, bevor der Zug für 176 m im Tunnel 6 verschwindet. Dann erreicht der Zug die Haltestelle Dabovići.

Weiter geht es an der Lehnenstrecke im felsigen Gelände aufwärts, nach einer langgezogenen Linkskurve wird Tunnel 7 mit einer Länge von 697 m durchfahren. Dann fährt die Bahn unter einer talwärts führenden Druckwasserleitung hindurch. Links sieht man die Serpentinen einer Autostrasse, die an einem 4* Restaurant (Kolibe) vorbeiführend dann eine kurze Strecke lang unmittelbar links parallel zur Bahnstrecke führt. Dann kommen 2 Tunnels unmittelbar hintereinander, nämlich Tunnel 8 mit einer Länge von 124 m und Tunnel 9 mit einer Länge von 143 m. Vor der nächsten Haltestelle Stubnica wird noch Tunnel 10 mit einer Länge von 53 m durchörtert.


Nach der Haltestelle Stubnica wird Tunnel 11 mit einer Länge von 122 durchfahren und dann kommt in einer langgezogenen Rechtskurve der letzten und längste Tunnel, Tunnel 12 mit einer Länge von 1.260 m in Sicht. Dieser durchörtet in einer langen Geraden eben den Gebirgsrücken, hinter dem sich die Ebene rund um Nikšić ausbreitet. Links vom Portal des Eisenbahntunnels sieht man das Portal des Strassentunnels.

Nach dem Tunnel hat sich die Landschaft total verändert, man befindet sich in einer Ebene, die von Gebirgen gerahmt wird. Der kanalartig geführte Fluß Zeta wird überquert und der Schienenstrang läuft direkt auf die zweitgrößte Stadt Montenegros zu. Ein paar Buben winken dem Zug zu, der also immer noch eine besondere Abwechslung im Tagesablauf darzustellen scheint. Links bei der Bahnhofseinfahrt sieht man die alten Lokschuppen, Teile der Gleise sind mit Gras überwuchert und alte, rostige und löchrige Güterwaggons stehen herum. Im Bahnhof selbst steht ein Güterzug.



Nikšić ist die zweitgrößte Stadt in Montenegro mit 58.200 Einwohnern bzw. Gesamtgemeinde mit 76.700 Einwohnern. Rund um die Stadt befinden sich drei Seen, die beliebte Ausflugsziele sind. Die Stadt ist auch als Heimat des Nikšičko pivo, des Bieres aus Nikšić, bekannt und beherbergt die philosophische Fakultät der Universität Montenegro. In Nikšić hat das montenegrinische Energieunternehmen Elektroprivreda Crne Gore seinen Hauptsitz. Zum Bauxitabbau führen Gütergleise.



Hier noch weitere Zahlen zur Errichtung der Schmalspuranbindung an Dalmatien/Herzegowina:
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- Gabela (an der Bahnlinie Ploce – Mostar – Sarajevo gelegen) – Hum: 81 km 16./17. 7. 1901
- Hum – Trebinje: 17 km 16./17. 7. 1901
- Trebinje – Bileca: 37 km 1923 – 1925
- Bileca – Nikšić: 71 km 12. 7. 1938
- Nikšić – Podgorica: 56 km 13. 7. 1948
- Wiedereröffnung Nikšić – Podgorica: 1.10.2012
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Eisenbahndenkmal in Podgorica
Neben dem Bahnhofsgebäude Podgorica steht auf ein paar Metern Schmalspurschienen umrahmt von Bäumen und Oleandersträuchen ein Lokomotivdenkmal mit 1 Güterwagen sowie dem traurigen Rest eines ehem. blau lackierten Personenwaggons als Beiwerk. Bei der Lok handelt es sich um die 1910 gebaute „LOVCEN“ aus der Lokomotivfabrik RAD Koppel, Berlin, welche auf der Schmalspurstrecke Bar-Virapazar (Antivari Bahn, Vorläuferstrecke der Bar-Beograd-Bahn) im Einsatz war.

Tip Unterkunft/Essen in Podgorica

Cevapcici (übrigens 10! Stück) mit Pommes, dazu Ajvar, Serbischer Salat und natürlich Nikšićer Pivo. Herrlich, frisch und preislich sehr günstig. Serviert von nettem, englischsprechendem Personal. Cevapi mit Pommes 5 Euro, Serbischer Salat 1,50.- detto das Pivo. Das Frühstück ist angemessen, die Zimmer eher einfach aber mit gratis WLAN, Fernseher und gut funktionierender Klimaanlage Marke Funai. Übernachtung mit Frühstück um 35.- Euro (Juni 2015).

Der Blick von der Oase raus ist eher triste. Er fällt auf den Plattenbau des Postgebäudes, daneben der Plattenbau des Bahnhofs. Unansehnliche Baurelikte des Tito-Kommunismus. Einzig die blühenden Oleader-Bäume (nicht Sträucher, übermannshohe Bäume) signalisieren Leben. Das Europa also eine fast paradiesische Scholle dazwischen.

Links
Betreiber der Strecke Montenegrinische Eisenbahn Željeznica Crne Gore (ŽCG) >>>
DEEF-Dokumentation Eisenbahnen in Serbien >>>
DEEF-Dokumentation Eisenbahnen in Kroatien >>>
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Text / Fotos / Videos copyright DEEF / Dr. Michael Alexander Tiberius Populorum
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Bericht von: Dr. Michael Alexander Tiberius Populorum, Chefredakteur Railway & Mobility Research Austria / DEEF
Erstmals Online publiziert: / page first published 7. Juni 2015; Seiten-Relaunch 18.9.2026; Letzte Ergänzung / page last modified 19.9.2026
