Berninabahn

Die Berninabahn von St. Moritz über den Berninapass ins italienische Tirano

Die Berninabahn ist zweifelsfrei eine der interessantesten Eisenbahnstrecken in Europa und dank des Betreibers,  der Rhätischen Bahn, abgek. RhB, auch eine, die man höchst komfortabel in der 1. Klasse mit Panorama- und Speisewagen befahren kann.

RhB ABe 4/4 III Nr. 55, getauft auf den Namen Diavolezza im Bahnhof von Tirano am 16. Mai 2019. Von dieser BR sind 6 Stück im Einsatz (Nr. 51-56), gebaut wurden die ET 1988 und 1990 bei SLM und ABB

Der hier verkehrende Bernina Express ist das Pendant zum touristischen Luxuszug der Matterhorn Gotthard Bahn (MGB), dem weltbekannten Glacier Express, der auch als der langsamste Schnellzug der Welt bezeichnet wird. Gemeinsam mit der an sie anschließenden Albulastrecke (Thusis – St. Moritz) wurde die Berninabahn 2008 in die Liste des Unesco Weltkulturerbes aufgenommen. Die Berninabahn ist die höchste Alpenquerung per Schiene und eine der steilsten Adhäsionsbahnen der Welt mit einer max. Steigung von 70 Promille.


Verschub im Bf Tirano – RhB Ge 2/2 Nr. 161, Baujahr 1911, ist täglich im Einsatz. Die Schweizer pflegen eben ihre Loks

Nach der Fertigstellung der Albulaline von (Chur-) Thusis nach St. Moritz wurde 1905 die Bernina-Bahngesellschaft (BB) mit dem Ziel gegründet, St. Moritz über den Berninapass mit dem italienischen Tirano im Veltlin zu verbinden.


Von dort besteht ja dann Anschlussmöglichkeit mit der Veltlinbahn zum Chomer See.

Tirano 19. Mai 2019: Am neben dem Bahnhof der RhB gelegenen Bahnhof der FS steht der Regionale der TrenNord abfahrtsbereit Richtung Milano C. Im Bahnhofsgebäude der FS befindet sich ein gut frequentiertes Bahnhofsbuffet

Nach Erteilung der Konzession 1906 erfolgte die Eröffnung von 1908 an in mehreren Teilabschnitten:

1. Juli 1908: Pontresina – Morteratsch sowie Tirano – Poschiavo
18. August 1908: Pontresina Celerina sowie Morteratsch Bernina Suot
1. Juli 1909: Celerina – St. Moritz sowie Bernina Suot – Ospizio Bernina
5. Juli 1910: Ospizio Bernina – Poschiavo

Ursprünglich sollte die Berninabahn nur im Sommer verkehren, ab 1913/14 verkehrte die Berninabahn jedoch dann durchgehend das ganze Jahr. Aufgrund der Höhenlage und Exposition der Strecke sah man sich und sieht man sich seitens des Betreibers immer noch vor große Herausforderungen gestellt, vor allem große Schneemengen, Lawinen und Steinschlag bedrohen die Strecke. Dagegen wurden zahlreiche Kunstbauten in Form von Galerien errichtet. Da die errichtende und zuerst betreibende Gesellschaft, die Berninabahn Aktien-Gesellschaft in Poschiavo, finanziell überfordert war, wurde die Berninabahn im Jahr 1943 mitten im 2. WK von der Rhätischen Bahn (RhB) übernommen.

Die ET RhB ABe 4/4 III sind meist im Doppelpack anstelle einer Lokomotive den Zügen vorgespannt. Jeder Triebwagen hat Platz für 16 Personen in der 2. Klasse und 12 in der 1. Klasse

Technisches:

Die Berninabahn St. Moritz – Tirano ist 60,7 km lang, in Meterspur ausgeführt (1.000 mm), erreicht als reine Adhäsionsbahn bei einer maximalen Neigung von 70 Promille ihren Scheitelpunkt beim Ospizipo Bernina auf einer Höhe von 2.253 m, passiert dort am Lago Bianco die Wasserscheide zwischen Donau und Po (bzw. Schwarzes Meer / Mittelmeer), weist einen minimalen Radius von 45 m auf und ist von Beginn an elektrifiziert (anfangs 750 Volt Gleichstrom, seit 1935 1000 Volt).


Die Stationen:

  • St. Moritz, Bahnhof (Bf), km 0,0; 1.775 m.ü.d.M. (> Albulabahn nach Thusis-Chur)
Blick von St. Moritz Bad aus über den St. Moritzer See, der vom jungen Inn durchflossen wird, auf St. Moritz Dorf mit dem Bahnhof am Seeufer. Im Hintergrund eines der Luxushotels, das 5 Sterne Hotel Carlton
Gleich nach der Ausfahrt trennen sich die Wege der Albulabahn nach links und am Foto der Berninabahn, die über den 64 m langen Innviadukt übersetzt und in den längsten Tunnel der Strecke, den Charnadüra II (689 m) einfährt. Ein neuer Allegra-Triebwagen (RhB ABe 8/12) quert gerade den Viadukt im Mai 2019
  • Celerina Staz, Hst, km 2,0; 1.716 m
  • Punt Muragl Staz, km 3,5; 1.728 m
  • Pontresina, Bf, km 5,8; 1.774 m (> Samedan-Thusis)
Das mächtige Aufnahmsgebäude des Bahnhofs Pontresina, den die Züge der Berninabahn durchfahren sowie die Züge der Albulastrecke via Samedan hier enden
RhB Ge 4/4 II Nr. 633, mit Werbebeklebung für RTR Radiotelevisiun Svizra Rumantscha, dem rhätoromanischne Sender des Schweizerischen Rundfunks, am 19. Mai 2019 am Hausbahnsteig von Pontresina abfahrtsbereit Richtung Samedan
Wie in St. Moritz so kommen auch in Pontresina 2 unterschiedliche Stromsysteme zusammen, nämlich 1000 V Gleichstrom der Berninabahn und 11 KV 16,7 Hz der Albulabahn. Die mit Wechselstrom betriebenen Züge, die über die Strecke aus Samedan eintreffen, benutzen die Gleise 1 bis 3, während die mit Gleichstrom betriebenen Berninabahnzüge die Gleise 3 bis 7 benutzen. Gleis 3 besitzt seit 1981 eine zwischen Wechsel- und Gleichstrom umschaltbare Fahrleitung
  • Surovas, Bf, km 7,3; 1.822 m
  • Morteratsch, Bf, km 12,2; 1.896 m
Der namensgebende Morteratschgletscher ist zusammen mit dem Persgletscher, dessen Zunge seit dem Sommer 2015 den Morteratsch nicht mehr erreicht, mit einem Volumen von rund 1,2 Kubikkilometern der volumenstärkste Gletscher der Ostalpen. Während er beim Bau der Berninabahn fast an die Bahn heranreichte, ist die Gletscherzunge heute davon ca. 2 km entfernt
  • Bernina Suot, Bf, km 15,7; 2.046 m
Auf Deutsch heißt die Station „Berninahäuser“
  • Bernina Diavolezza, Hst, km 16,8; 2.082 m
Ein Berninaexpress (BEX) verlässt von 2 klassischen RhB ABe 4/4 III gezogen die Haltestelle Diavolezza Richtung Norden nach St. Moritz
  • Bernina Lagalp, Bf, km 17,9; 2.099 m
Wie in Diavolezza so hat auch in Lagalp eine Luftseilbahn ihren Ausgangspunkt
Der Streckenverlauf der Bahn von der Straße aus gesehen. Teilweise verläuft die Straße in der Nähe der Bahn, die Südrampe der Bahn vom Bernina Hospiz über Alp Grüm bis hinunter nach Poschiavo verlaufen die beiden Verkehrsstränge separat. Kennzeichnend für die Route entlang des Lago Bianco sind die Galerien zum Schutz vor den Schneemassen
In der Nähe vom Bernina-Hospiz, wo das Trassee eher eben entlang des Lago Bianco verläuft
  • Ospizio Bernina, Bf, km 22,3; 2.253 m (Scheitelpunkt)
Ein Allegra-Triebwagen zieht die Wagen des BEX aus dem Bahnhof Bernina Ospizio hinaus Richtung Norden
Im Bahnhof Bernina Ospizio gibt es eine Gastwirtschaft sowie auch eine Unterkunft zum Übernachten
Selbst Mitte Mai gibt es hier noch massig Schnee. Im Winter türmt sich der Schnee meterhoch und es ist bewundernswert, wie zuverlässig in der Schweiz der Bahnbetrieb dennoch abläuft, während in anderen Ländern ein paar Zentimeter Schnee genügen, einen Unterbruch der Strecke zu verursachen
Der herrliche Lago Bianco, der durch Aufstauung von 2 kleineren ntürlichen See entstand (1910/11). Die nördliche Staumauer bilde die Wasserscheide zwischen Donau und Po. Am eindruckvollsten ist es, wenn der See ohne Schnee in seiner gesamten Größe sichtbar ist
Vom Hospiz geht es mit bis zu 70 Promille abwärts gegen Süden
Lawinenschutzbauten, die tw. in Tunnel übergehen, prägen diesen Abschnitt

Die Grüm-Galerie gleich am Bahnhofsende von Alp Grüm bergseitig
  • Alp Grüm, Bf, km 27,1; 2.091 m (Traditionelles Bahnhofshotel und Restaurant)
In Alp Grüm hat der BEX planmäßig etwas Aufenthalt, sodaß die Fahrgäste aussteigen und sich an der schönen Natur delektieren können

Die Wirtschaft im Bahnhof Alp Grüm, wo man auch nächtigen kann
Ich nutze den Aufenthalt meist, um in der Wirtschaft eine „Stange“ Calanda zu genießen (Stange = Seidl Bier). Die nette Bedienung zapft gerade meine Stange, rechts neben mir – nicht im Bild – trank der Schaffner seinen Espresso. Es ist immer ratsam, den Schaffner im Auge zu behalten, wenn er geht, so sollte man auch gehen um den Zug nicht zu versäumen
In einer 180 Grad -Kurve („Himmelskurve“) geht es hinab mit bis zu 70 Promille, hier unterhalb Alp Grüm
Blick vom Zug hinunter zum Lago Palü, der als Wasserspeicher zur Stromgewinnung dient
  • Stablini, Betriebsstelle, km 29,5; 1.934 m (automatische Kreuzungsstelle seit 2001)

  • Cavaglia, Bf, km 33,1; 1.692 m

Zugkreuzung in Cavaglia. Durch die großen Panoramafenster sieht man das Cockpit und die angezeichnete 1. Wagenklasse eines neuen Allegra-Triebwagens von Stadler Rail
  • Cadera, Bf, km 38,2; 1.383 m
Herrliche Blicke kann man bei der Fahrt auf der Südrampe erleben, hinunter auf die Tallandschaft des Puschlav mit dem Hauptort Poschiavo (dt. Puschlav) und im Hintergrund dem Puschlaver See. Höchster Gipfel der das Tal flankierenden Gebirgskämme ist der Piz Palü mit 3901 m
  • Privilasco, Hst, km 42,0; 1.119 m
Während am Hospiz oben noch massig Schnee lag blühen hier unten im Tal die Maiwiesen

  • Poschiavo, Bf, km 43,6; 1.014 m (Depot, Werkstatt)
Die Gemeinde Poschiavo, dt. Puschlav, bildet mit der Gemeinde Brusio die Talschaft Puschlav. Die Berninabahn hat hier einen Bahnhof und die Werkstätte
Die Werkstatthallen in Poschiavo
  • Li Curt, Hst, km 45,3; 998 m
  • Cantoniera, Betriebsstelle, km 47,1; 973 m
  • Le Prese, Hst, km 48,0; 965 m
Le Prese gehört zur Gemeinde Poschiavo, das Dorf mit Haltestelle der BB liegt am nördlichen Ende des Puschlaver Sees
  • Miralago, Bf, km 50,8; 965 m
Ein sinnlicher Ort dieses Miralago mit einer Station direkt am Puschlaversee. Allerdings ist es ein Abwanderungsgebiet, die Blütezeit war während und kurz nach dem Bau der BB. Ein Hotel hat es aber immer noch hier
Blick auf die Gemeinde Brusio, geprägt von den barocken Kirchtürmen der katholischen und der reformierten Kirche. Wahrzeichen von Brusio ist allerdings das Kreisviadukt der Berninabahn etwas südlich des Ortskerns
Kreisviadukt Brusio: Die Länge beträgt 142,80 m, die Brückenbreite 4,88 m. Jeder der neun Bögen besitzt eine Spannweite von 10 m. Bei einem Gleisradius von 70 m und einer Neigung von 70 ‰ wird der Talboden in einer Höhe von 7 bis 17 m überquert
Die beiden klassischen ET in Doppeltraktion führen den BEX am 19. Mai 2019 über den/das Brusioviadukt hinab Richtung Tirano
  • Brusio, Bf, km 53,9; 780 m
Ein Regionalzug gezogen von einem neuen Allegratriebwagen Richtung Norden im Bf Brusio
  • Campascio, Hst, km 56,2; 637 m
  • Campocologno, Bf, km 57,6; 553 m

— Staatsgrenze Schweiz (Graubünden) – Italien (Lombardei) km 58,1 —

  • Tirano, Bf, km 60,7; 429 m.ü.d.M. (>Veltlinbahn nach Sondrio – Milano Centrale)
Aufnahmsgebäude der RhB bzw. Berninabahn in Tirano. Früher fand im Gebäude die permanene Zollkontrolle statt, aktuell 2019 wird das eher lax gehandhabt. Auf der Piazza links befindet sich der Bahnhof der FS, wo die Züge auf der Veltlinbahn Richtung Sondrio und Mailand abfahren

Die Wallfahrtskirche Basilika Madonna di Tirano etwas nördlich des Zentrums dieser Stadt mit ca. 9.000 Einwohner. Die Berninabahn fährt auf der Straße direkt vor der Basilika Minor vorbei. In Tirano kann man durch die Altstadt bummeln oder sich in einem der vielen Gastwirtschaften auch rund um den Bahnhof verwöhnen lassen

Die Strecke:

Die Nordrampe von St. Moritz bis zum Scheitelpunkt beim Bahnhof Ospizio Bernina ist geprägt durch eher offenes Gelände, die Berninabahn bewältigt diesen Teil eher in  weiten Kurven, am Lago Bianco zieht der Schienenstrang quasi eben dahin und verschwindet dann und wann in einer Galerie, die zum Schutz vor allem von Schneeverwehungen errichtet wurden. Ab dem Scheitel (ohne Scheiteltunnel!) und besonders ab dem Bf Alp Grüm geht es  bis zu 70 Promille steil ohne Zahnstangenin engen Kehren hinab ins Puschlav, von dort talauswärts streben die Gleise dem italienischen Tirano zu.

Zwischenhalt und Verschnaufpause für den BEX bei der Bergfahrt im Bf Alp Grüm

Der Betrieb:

Betreiber der Berninabahn ist die Rhätische Bahn, abgek. RhB, welche  1943 von der Berninabahn Aktien-Gesellschaft in Poschiavo , abgek. BB, übernommen hat.

In Ergänzung zu den stündlich verkehrenden Regionalzügen verkehrt vor allem für Touristen 2-3 Mal am Tag der Bernina Express (BEX), welcher modernes Wagenmaterial (Panoramawagen) der 1. und 2. Wagenklasse sowie Speisewagen oder Buffet anbietet. Meist befindet sich an der Zugspitze noch ein klassischer oder moderner Triebwagen, der zuschlagfrei genutzt werden kann und auch die Traktion des gesamten Expresszuges übernimmt.

Panoramawagen des BEX 2. Klasse

Im Sommer verkehren auch offene Waggons, wo man die herrliche Natur sowie die abenteuerliche Streckenführung der Berninabahn durch die zahlreichen Tunnels und Galerien höchst authentisch miterleben kann.

Ein neuer Allegra-Triebwagen zieht einen R von St. Moritz kommend in den Bf Tirano
Neuer Allegra Triebwagen von Stadler: 2. Klasse
Neuer Allegra Triebwagen von Stadler: 1. Klasse

Die Fahrzeit beträgt zwischen 2 Std. 12 Minuten und 2 Std. 35 Minuten von St. Moritz nach Tirano.

Rangierlok (Traktor) Nr. 22 der RhB im Bf von Tirano am 12. November 2016

Links:

Betreiber RhB >>>

DEEF Dokumentation MGB Furka – Oberalp >>>


Alle Fotos copyright DEEF/Dr. Michael Alexander Tiberius Populorum

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Bericht von: Dr. Michael Alexander Tiberius Populorum, Chefredakteur Railway & Mobility Research Austria / DEEF

Erstmals Online publiziert: 28. August 2019; Letzte Ergänzung: –