Lokalbahn Fischamend-Götzendorf-Mannersdorf

Die Lokalbahn (Klein Schwechat) – Fischamend – Götzendorf – Mannersdorf

Diese heute nur mehr partiell im Güterverkehr bediente Eisenbahnstrecke stellt eine Verbindung zwischen der Ostbahn (Wien – Budapest) und der Preßburger Bahn (S7 Wien – Wolfsthal) dar. Sie wurde vor allem dafür errichtet, die Steinbrüche am Fuße des Leithagebirges samt dazugehörigen Verarbeitungsbetrieben sowie die Gewerbe- und Industriebetriebe entlang der Fischa an das Bahnnetz anzuschließen. Einige Zeit lang wurden auch Fahrgäste befördert.


Kennzahlen:

  • Erteilung der Konzession: 19. Mai 1882, eingereicht vom Grazer Zivilingenieur Oskar Baron Lazarini
  • Baubeginn: 21.2.1883
  • Eröffnung: 6. Jänner 1884
  • 1. Juli 1884: Kauf der Strecke durch die StEG
  • Länge der Gesamtstrecke Schwechat – Mannersdorf: 29,56 km
  • Normalspurig, eingleisig, Dieselbetrieb
  • Höchstgeschwindigkeit: 40 km/h
  • Minimaler Radius: 145 m

Abschnitt 1 (Nördlicher Abschnitt): Schwechat – Fischamend – Götzendorf

Auf den ersten ca. 10 Kilometern der Strecke ab Klein Schwechat verläuft heute die Preßburger Bahn bzw. die Strecke der Flughafen-Schnellbahn S7 über den Flughafen Wien Schwechat und weiter über Fischamend und Hainburg nach Wolfsthal. Heute zweigt die Lokalbahn nach Passieren des 1977 errichteten 733 m langen Pistentunnels nach rechts ab, vor Errichten des Tunnels verbunden mit einer Linienverlegung erfolgte der Abzweig vom ehem. Bf Fischamend Reichsstraße.

Abzweig von der Preßburger Bahn, die heute von der S7 bis Wolfsthal befahren wird, westlich von Fischamend

Auf der Strecke Fischamend-Götzendorf liegen mehrere Unternehmen mit Anschlussgleisen, wobei die betriebliche Bedienung derselben in den Jahren gewechselt hat. Heute werden alle Anschlussgleise von Schwechat/Fischamend aus bedient, von Götzendorf wird nur der dortige Zuckerrübenplatz bedient – von dort bis Margarethen am Moos AB EVVA (gut 2 km) findet kein Verkehr mehr statt.


Nachfolgende Fotos entstanden im Rahmen einer Begehung zu Fuß von Götzendorf bis Fischamend an einem glühend heißen Junitag 2020:

Die (ehem.) Stationen sind heute meist Betriebsbahnhöfe mit Kreuzungsmöglichkeit.

In einer langgezogenen Schleife nähert sich das Gleis nach dem Abzweigen von der Preßburger Bahn Fischamend StEG (privilegierte Österreichisch-ungarische Staatseisenbahn-Gesellschaft) im Süden der Gemeinde gelegen
Fischamend ist erreicht kurz vor dem Bahnhof bzw. Ladestelle Fischamend StEG
  • Fischamend StEG, km 11,6 (ab Klein Schwechat)
Das Bahnhofsareal mit 2 Gleisen und einem Stumpfgleis. Bahnhofsgebäude gibt es keines (mehr)
Bis Klein-Neusiedl folgen die Gleise fast schnurgerade der L 156 Klein Neusiedler Straße. Dann tauchen links die umfangreichen Gleisanlagen der Swietelsky Baugesellschaft auf. Hier einige Güterwaggons auf einem Abstellgleis
Blick vom Gleis über die Landesstraße auf das Betriebsgelände
Zahlreiche Dieselloks warten hier auf ihre Einsätze

Gleich nach dem Anschlussgleis zu Swietelksy zeigt sich hier das (ehem.??) Anschlussgleis zum Unternehmen KBB

Die urige Kellergasse in Klein Neusiedl. Leider an diesem Nachmittag unter der Woche alles dicht 🙁
Kurz vor dem Bf / Ladestelle Klein Neusiedl mach das Gleis einen weiten Bogen
  • Klein Neusiedl, km 14,9
Im ehem. Bahnhofsareal holt sich die Natur langsam aber sicher ihr Terrain zurück
Die Ludwig Polsterer Vereinigte Walzmühlen Ges.m.b.H. erzeugt u.a. das Rösselmehl. die Mühle ist im Besitz der Pfahnl Backmittel GmbH aus dem oö. Mühlviertel
AB Polsterer zum Mühlenbetrieb. Es hatte den Anschein, dass auch diese AB schon Geschichte ist und die Transporte mit dem LKW erledigt werden
Das Flughafengelände Wien Schwechat reicht bis an die Eisenbahn heran
Eine kleine Kapelle unter einem schattigen Baum lädt zur Rast ein – leider habe ich auf der gesamten Wanderung keine geöffnete Buschenschank gesehen
AB Propangas
Brücke über die Fischa
In diesem Bereich Streckenkilometer 17 verlaufen die Gemeindegrenzen von Schwadorf an der Fischa und Enzersdorf an der Fischa
EK über die B 10 „Brucker Straße“ , links die Ortstafel von Schwadorf, rechts liegt das Gemeindegebiet von Enzersdorf
  • Schwadorf an der Fischa, km 17,5
In diesem Lagerhaus herrschte reger Betrieb. Bf/Ladestelle Schwadorf Blickrichtung Klein Neusiedl
Einfahrtsweiche Schwadorf an der Fischa, Blickrichtung Lagerhaus Fahrtrichtung Klein Neusiedl

Ja, was kommt denn da daher? Rasch vom Bahndamm ins Gebüsch gesprungen und die Kamera angelegt…

 

Brücke über den Mühlbach

Das rechte Gleis (Blickrichtung Götzendorf) ist die AB SCA Packaging Welpa Wellpappenfabrik, das linke Gleis ist das Stammgleis Richtung Götzendorf
AB EVVA zur EVVA Oil Schmiermittelfabrik
AB EVVA aus der anderen Richtung mit einer 20 km Langsamfahrstelle
Kesselwagen auf dem Firmengelände
Hier endet die aktuell befahrene Strecke
Noch liegt das Gleis, die Hausanrainer nutzen jedoch schon den Grund über dem Gleis als Gärten

Noch eine Brücke über den Mühlbach
Die Natur ist auf dem Vormarsch
  • Margarethen am Moos, ehem. Haltestelle, km 20,6
Hier lag die ehem. Haltestelle Margarethen am Moos. Eine Anrainerin meinte, vor gut 10 Jahren gab es noch mal eine Nostalgiefahrt hierher. Aber es ist Zeit, dass die Gleise endlich wegkommen, Eisenbahn mag man hier nicht, die macht Lärm und es braucht sie niemand, es gibt ja das Auto..Naja..
Auch am Ortsende findet sich eine rote Tafel – offenbar ein Relikt
EK über die B60 „Leitha Straße“, dahinter befindet sich der Rübenplatz Götzendorf
Der Rübenplatz ist mit einer Gleissperre versehen, der Schranken der Zufahrt besitzt keine Balken mehr
Der Rübenplatz
Man erkennt sofort den neuen Oberbau, im Hintergrund die Masten der Ostbahn
  • Götzendorf, Bf der Ostbahn, km 23,0; 169 m

Die Situation in Götzendorf:

Quelle Openrailwaymap. Eine nicht gerade perfekte Gleisanordnung zeigt sich in Götzendorf. Von West nach Ost (links nach rechts, orange Farbe) verläuft die Ostbahn. Im Bahnhofsbereich gibt es einige Stumpfgleise, wo zeitweise Wagen für das Zementwerk in Mannersdorf abgestellt sind. Das Gleis von Fischamend (gelbe Linie von oben/Norden) führt rechts am Rübenplatz vorbei und mündet in die Ostbahn ein. Züge von Götzendorf nach Mannersdorf müssen aus dem Bahnhof nach Osten hinausgeschoben werden, um dann Richtung Südwest abbiegen zu können. Früher gab es eine Direktverbindung von Fischamend nach Götzendorf, und zwar über einen Damm und 16 m langer Brücke über die Ostbahn – den Verlauf zeigt die strichlierte schwarze Linie. Ab Juli 1913 konnten die Verbindungsgleise genutzt werden, die Brücke über die Ostbahn wurde 1918 abgebaut.
Bereitgestellter Güterzug im Bahnhof Götzendorf
Zementwaggons am Stumpfgleis abgestellt
Reste des nördlichen Bahndamms – hier überspannte eine Brücke bis 1918 die Ostbahn
Südlich anschließender ehem. Bahndamm. In der Bildmitte zweigt das Gleis Richtung Mannersdorf ab
Bahnhof Götzendorf der Ostbahn, von Osten Richtung Westen fotographiert
Vom Bf Götzendorf Richtung Osten fotographiert. Links zweigt das Gleis zum Rübenplatz bzw. dann weiter Richtung Fischamend ab
Das Gleis Richtung Norden zum Rübenplatz
Am 21.9.2018 braust eine Doppelgarnitur Talent Richtung Osten und passiert gerade die Weiche des einmündenden Gleises aus Mannersdorf

Güterzug nach Mannersdorf Teil 1


Personenverkehr:

Im Bahnhof Götzendorf halten werktags halbstündlich die Züge der S-Bahnlinie 60 (Wien – Bruck an der Leitha) sowie einige REX.

Eine Talent-Garnitur als S 60 Richtung Bruck an der Leitha im Bf Götzendorf (21.9.2018)

Vor dem Bahnhofsgebäude fahren u.a. die Postbusse Richtung Mannersdorf ab, meist 1-2x die Stunde. Sie sind sozusagen Schienennachfolge-Verkehr, nachdem der Personenverkehr (gemischte Züge) im Mai 1982 eingestellt wurde.

Der Personenverkehr am Nordast (Fischamend – Götzendorf) wurde nach einer Reaktivierung im 2. WK im Jahr 1951 eingestellt.


Götzendorfer Spange:

Die Götzendorfer Spange war ein Infrastrukturprojekt der ÖBB, das ebenso wie die hier beschriebene Lokalbahn die Preßburger Bahn und die Ostbahn verbinden sollte. Ausgangspunkte waren ebenso Fischamend und Götzendorf, die Trasse sollte für eine Geschwindigkeit von 160 km/h gebaut werden und die Städte Wien, Preßburg und Budapest über den Wiener Flughafen verbinden. Nach ca. 3 jähriger Bauzeit sollte die Götzendorfer Spange 2016 in Betrieb gehen. Aus Geldmangel wurden die Projektpläne aber ad acta gelegt. Aktuell ist eine neue Trassenvariante im Gespräch und zwar ausgehend von Bruck an der Leitha entlang der Ostautobahn A4.


Abschnitt 2 (Südlicher Abschnitt): Götzendorf – Mannersdorf

Auf diesem Streckenabschnitt gibt es folgende Stationen:

  • Götzendorf Lokalbahn, ehem. Bf, heute Bf ohne PV, km 24,4 (ab Klein Schwechat)
  • Fasangarten, ehem. Haltestelle bei der Kaserne, 1943 als Fasangarten (Niederdonau) errichtet, 1973 stillgelegt; die heutige Wallensteinkaserne ist mit dem Autobus zu erreichen, km 25,9
  • Mannersdorf, ehem. Bf, heute Bf ohne PV, km 28,9; 193 m

Einige Fotos von meiner Exkursion nach Mannersdorf im Juni 2020:

Der Kunde auf dem Südast, der Weltkonzern Lafarge / Perlmoser in Nachfolge der „Kaltenleutgebener Kalk- und Zementfabriks AG“, welche hier 1894 eine Zementfabrik erbaute. Der dazu benötigte Kalk wird u.a. per Seilbahn von den Steinbrüchen im Leithagebirge antransportiert. Es ist das größte Zementwerk Österreichs
Aufnahmsgebäude Mannersdorf, heute u.a. vom Verschubpersonal frequentiert
Vor den mächtigen Bauten des Lagerhauses wartet eine Diesellok der ÖBB (2070 082-0) im Endbahnhof Mannersdorf auf neue Aufträge
Gleisende in Mannersdorf
Aufnahmsgebäude Mannersdorf mit Linienbus des VOR. Mannersdorf am Leithagebirge ist eine Stadtgemeinde (seit 1990) mit 4.132 Einwohner
Werksgleise Lafarge / Perlmooser
Werksgelände Lafarge / Perlmooser
Heutiger Betriebsbahnhof / Ladestelle Götzendorf Lokalbahn. Ein Aufnahmsgebäude findet sich dort nicht mehr. Der ehem. Lokalbahnhof liegt direkt im Zentrum der 2.088 Einwohner zählenden Marktgemeinde. Auf der anderen Straßenseite liegt eine empfehlenswerte Labungsstelle, das Gasthaus
Hektometerstein 24,4 im Bahnhofsbereich Götzendorf Lokalbahn

Links:

DEEF Doku Ostbahn >>>

DEEF Doku Preßburger Bahn >>>


Text / Fotos / Videos copyright DEEF / Dr. Michael Alexander Tiberius Populorum.

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Bericht von: Dr. Michael Alexander Tiberius Populorum, Chefredakteur Railway & Mobility Research Austria / DEEF

Erstmals Online publiziert: 20. Juli 2020; Letzte Ergänzung: –