Centovallibahn

Die internationale Schmalspurbahn Locarno – Domodossola – die Centovallibahn

Zugkreuzung in Gagnone-Orcesco am 17. März 2017. Eine Garnitur des neuen 4-teiligen Panorama-Triebwagens, führend Triebwagen Nummer 84 „Craveggia“, fährt aus Domodossola kommend in den Bahnhof ein

Um vom Schweizer Kanton Tessin in den Kanton Wallis oder weiter nach Genf zu gelangen, ist die Direttissima die Strecke von Locarno ins italienische Domodossola und von dort nach Norden durch den Simplon nach Brig. Daher wurde auch schon im November 1918 ein Staatsvertrag zwischen der Schweiz und Italien zur Nutzung der Strecke geschlossen – bis heute werden auf dem italienischen Abschnitt von der Grenze bei Camedo über Domodossola und von dort auf der Simplonstrecke bis zur Grenze beim Bahnhof Iselle Schweizer Fahrkarten anerkannt, bspw. das Generalabo oder das Halbtax.

Eisenbahngeographisch gesehen stellt die Centovallibahn eine Ost-West verlaufende Verbindungsstrecke zu den beiden Nord-Süd verlaufenden Alpentransversalen Gotthardbahn und Lötschberg-Simplon Route dar.

Start / Im Tunnel

Von Locarno aus verläuft die Strecke zuerst bis Ponte Brolla durch das Maggiatal, welches von Ponte Brolla abzweigend einst von der Maggiatalbahn (Locarno-Ponte Brolla-Bignasco-Bahn, abgek. LPB) erschlossen wurde. Danach wird bis zur italienischen Grenze das eigentliche Centovalli durchfahren. Ab der Grenze bis Domodossola führt die Strecke durch das Valle Vigezzo und die Centovallibahn wird dort auf italienischem Gebiet daher auch als Vigezzina bezeichnet. Für die gesamte Bahnstrecke hat sich jedoch der Name Centovallibahn etabliert.

Die Initiative zum Bau der Centovallibahn erfolgte durch den Stadtpräsidenten von Locarno Francesco Balli Ende des 19. Jd., der auch für die Errichtung der in den 1960ern eingestellten Maggiatalbahn sowie der nach wie vor aktiven Standseilbahn in Locarno hinauf nach Madonna del Sasso verantwortlich zeichnete. Nach Verzögerungen durch den 1. Weltkrieg konnten die 1912 begonnenen Bauarbeiten am 25. 11. 1923 mit der Eröffnung erfolgreich abgeschlossen werden.

Zwischen den Bf Cavigliano und Intragna – Durchfahrt durch den 33 m langen Güra-Tunnel sowie über die Isorno-Brücke


Kennzahlen:

  • Streckenlänge: 51,25 km
  • Spurweite: Meterspur
  • Traktion: Elektrisch, 1.200 Volt Gleichstrom
  • Max. Neigung: 60 Promille
  • Minimaler Radius: 50 Meter
  • Höchstgeschwindigkeit: 60 km/h
  • 83 Brücken, 31 Tunnel
  • Stationen: 14 auf Schweizer Seite, 19 auf Italienischer Seite (zahlreiche Stationen in Italien werden aktuell nicht bedient)
  • Betreiber: In CH: FART (Ferrovie autolinee regionali ticinesi, von 1923 bis 1960 Ferrovie regionali ticinesi, FRT); in I: SSIF (Società subalpina di imprese ferroviarie)

Auf Schweizer Seite wurde Betriebsführung der Maggiatalbahn (Locarno-Ponte Brolla-Bignasco-Bahn, abgek. LPB) und der Straßenbahn Locarno (Società Tramvie Locarnesi, abgek. STL) 1923 an die FRT verpachtet, welche dann auch die Betriebsführung der Centovallibahn übernahm.

Zwischen Corcapolo und Verdasio – die so typische Linienführung an der Hanglehne entlang über kleine Brücken über eines der 100 Seitentäler, dann Tunnel durch Bergsporen hindurch


Zur Kilometrierung:

Diese erscheint etwas verwirrend und differiert geringfügig. Kilometer Null auf Schweizer Seite war der (oberirdische) Bahnhof Locarno San Antonio. Die Centovallibahn verkehrte ursprünglich – die ersten 4 Betriebsjahre – genau so wie die Maggiatalbahn von der Piazza vor dem SBB-Bahnhof auf den Gleisen der Straßenbahn Locarno durch die Innenstadt über die Piazza Grande (heute noch Gleisreste sichtbar) bis zum Bahnhof San Antonio. 1927 wurde für die Centovallibahn und die Maggiatalbahn eine Umfahrungsstrecke abseits des Zentrums bis San Antonio eröffnet. Seit 1990 verkehrt die Centovallibahn von der Tunnelstation vor dem SBB-Bahnhof über San Antonio bis zum Bahnhof San Martino in einem 2.590 m langen Tunnel.

Zugkreuzung an der Kreuzungsstelle Olgia 2 mit Panoramatriebwagen Nr. 82 an der Spitze


Rollmaterial:

Eingesetzt werden fast ausschließlich Triebwägen, wobei Beschaffungen von der FART und der SSIF gemeinsam durchgeführt werden. An Altbautriebwägen finden sich 12 Doppeltriebwägen ABe 4/6 von Vevey Technologies (8 bei der FART, 4 bei der SSIF), die ab 2007 durch 3 vierteilige „Panoramatriebwägen“ ersetzt bzw. ergänzt wurden. Für diese neuen Triebwägen ist auf dem italienischen Streckenteil ein Zuschlag von 1,50 Franken bzw. Euro zu entrichten.

Mit dieser Garnitur habe ich am 13.3.2017 meine Fahrt von Locarno nach Domodossola gemacht, einem der 3 neuen vierteiligen Panorama-Garnituren. Bezeichnung ABe 4/4 Pp-85 „Trontano“.

Innen 2. Klasse
Innen 1. Klasse, ganz vorne rechts der Führerstand, daneben links der Sitz mit freier Sicht nach vorne
„Regieraum“ des „Maschinista“ (Führerstand)

Frequenz:

Die Züge verkehren auf der Gesamtstrecke ca. 1x die Stunde – dabei gibt es täglich 4 Kurse mit den neuen Panoramagarnituren, vermarktet als „Treno Panoramico Viggezo Vision“, ebenso 4x täglich (Stand Frühjahr 2020) den so genannten „Centovalli Express“ sowie einige Regionalzüge, die entweder die gesamt Strecke oder nur Teile davon befahren. Die schnellsten Fahrzeiten betragen ca. 1 Stunde 40 Minuten. Zahlreiche Halte werden nur nach „Halt auf Verlangen“ bedient, im italienischen Abschnitt werden manche Stationen aktuell gar nicht bedient.


Die Stationen:

Bahnhof der SBB Locarno. Gleich links daneben ist der Zugang zur FART
Seit 1990 fährt die Centovallibahn unterirdisch ab, bis dahin gings von der Piazza oberirdisch los
  • Locarno FART, Tunnelbahnhof, km -1,84; 198 m.ü.d.M.
Der neue Tunnelbahnhof der FART in Locarno
Ich konnte den begehrtesten Platz ergattern – „der frühe Vogel fängt den Wurm“ 🙂
  • Locarno San Antonio, Tunnelhaltestelle, km -0,28
Im 2.590 m langen eingleisigen Tunnel, der 2 Tunnelhaltestellen aufweist sowie eine Kreuzungsstelle
  • Solduno, Tunnelhaltestelle, km 0,65
  • San Martino, Bahnhof, km 1,27

  • Ponte Brolla, Bahnhof, km 3,35 / km 0,0 (Abzweig ehem. Maggiatalbahn); 254 m

Gleich nach dem Bahnhof zweigte nach rechts die Maggiatalbahn ab, heute geht es noch bis zum ehem. Bahnhof, der heute gemeinsam mit dem Tunnel danach als Depot für die FART genutzt wird
Die Kirche von Tegna kommt in Sicht
  • Tegna, Haltestelle, km 0,89

  • Verscio, Bahnhof, km 1,94

  • Cavigliano, Bahnhof, km 2,60
Zugkreuzung mit einem „Centovalliexpress“, ABe 4/8 46, Hersteller Vevey ABB, Baujahr 1992-1994 als ABe 4/6 Nummern 55-58, umgebaut 2011 zu ABe 4/8 45-48
  • Intragna, Bahnhof, km 4,68

  • Corcapolo, Bahnhof, km 7,15

Tunnel und Gallerien kennzeichnen die Fahrt durch die „100 Täler“

  • Verdasio, Bahnhof, km 9,52
Kreuzung mit Centovalliexpress AB2 4/8 47
Gleich neben der Bahnstation befindet sich die Seilbahn Verdasio hinauf ins Bergdorf Rasa, 898 m, welches nur mit Seilbahn oder zu Fuß erreichbar ist. Die Gondel der Pendelbahn fasst 8 Personen
  • Palagnedra, Haltestelle, km 11,15

  • Borgnone-Cadanza, Haltestelle, km 11,98

  • Camedo, Bahnhof, km 13,06 (ab Locarno, Grenzbahnhof CH); 549 m

Der Bahnsteig des Schweizer Grenzbahnhofs zieht sich bis zur Grenzbrücke nach Italien hin

—- Staatsgrenze CH / I bei km 13,65 bzw. km 32,34 —-

  • Ribellasca, Haltestelle, km 32,24 (ab Domodossola)
Direkt auf der anderen Seite der Grenzbrücke liegt die italienische Grenzstation, wo allerdings meist durchgefahren wird

  • Isella-Olgia, Haltestelle, km 29,15

  • Folsogno-Dissimo, Bahnhof, km 27,63

Wallfahrtskirche Madonna del Sangue in Re
  • Re, Bahnhof, km 25,87; 680 m

  • Villette, Haltestelle, km 24,51

  • Malesco, Bahnhof, km 22,52

  • Zornasco, Haltestelle, km 21,92

  • Prestinone, Haltestelle, km 20,93

  • S. Maria Maggiore, Bahnhof, km 19,36; 831 m (Höchste Station)

Denkmaltriebwagen im Bf S. Maria Maggiore mit langer Geschichte. Gebaut bei MAN/Alioth 1911 im Einsatz als Ce 2/4 Wagen 11 bei der Strassenbahn Altstätten–Berneck (gebraucht gekauft aus Deutschland), danach bei der Straßenbahn Locarno, 1960 Verkauf an die SSIF und Einsatz auf der Centovallibahn als Wagen 4. Nach Ausmusterung seit den 1990er Jahren als Denkmal hier aufgestellt

  • Buttogno, Haltestelle, km 18,52

  • Druogno, Bahnhof, km 17,01

  • Gagnone-Orcesco, Bahnhof, km 15,66

Kreuzung mit Panoramazug, führend Nummer 84 „Craveggia“

  • Coimo, Haltestelle, km 13,93

  • Marone, Bahnhof, km 12,16; 719 m

Durch die 3 Marone-Tunnel und den Bahnhof Marone

  • Verigo, Bahnhof, km 9,70

  • Trontano, Bahnhof, km 8,07

Blick hinunter in die Ebene des Valle d’Ossola bei Domodossola
  • Creggio, Bahnhof, km 5,77; 405 m

  • Masera, Bahnhof, km 3,97; 297 m

Der Fluss Toce wird übersetzt

„Einritt“ in Domodossola

  • Domodossola, Bahnhof, km 0,0; 265 m (> Übergang Simplonroute Richtung CH Brig – Genf – Vallorbe bzw. Richtung Mailand)
Der unterirdische Bahnhof der Centovallibahn unter dem Bahnhof der FS
Ein mächtiges und prächtiges Aufnahmsgebäude
So stellt man sich eine italienische Bahnhofsbar vor – der Sekt war herrlich und günstig. Leider kam sogleich der Anschluss Richtung Simplon
Von Domodossola ging es durch den Simplontunnel nach Brig. Hier nach der Ankunft im Bf Brig die Doppeltraktion ETR 610 / RABe 503. Von Mailand kommend war die hintere Garnitur bis Domodossola abgesperrt und ich dann im komfortablen 1. Klasse Wagen einziger Passagier der gesamten Garnitur 🙂

Links:

Schweizer Teil / FART >>>

Italienischer Teil / SSIF >>>

DEEF Doku Die Maggiatalbahn – Spurensuche in Ponte Brolla >>>


Text / Fotos / Videos copyright DEEF/Dr. Michael Alexander Tiberius Populorum.

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Bericht von: Dr. Michael Alexander Tiberius Populorum, Chefredakteur Railway & Mobility Research Austria / DEEF

Erstmals Online publiziert: 10. April 2020; Letzte Ergänzung: 12.4.2020