Pro Obus Salzburg

Pro Obus Salzburg – Wertvolle Exponate in Gefahr

Das Flaggschiff von Pro Obus Salzburg, Obus 123: Uerdingen Henschel ÜHIIIs (Soloobus, mit Schaffnersitz) ex. Solingen 40 – Leihgabe, Baujahr 1957. Vom Hanuschplatz kommend überquerte der Obus gerade die Staatsbrücke und wird danach die Haltestelle Makartplatz (vormals Platz Linzergasse) erreichen (25. Juli 2008)

„Ein Unternehmen, das seine Vergangenheit nicht ehrt, hat keine Zukunft“

Dieser Spruch ist mir vom Hochschullehrgang „General Management“ in Erinnerung geblieben, den ich vor Jahrzehnten an der Universität Salzburg („Summer Session am Attersee“) absolviert hatte.

Schaut man sich erfolgreiche Automobilfirmen an, so merkt man sofort, dass diese diesen Spruch verinnerlicht haben und ihre Unternehmensgeschichte, ihre Marken, hegen und pflegen. In stylischen bis pompösen Automobilmuseen wird die Firmengeschichte zelebriert und möglichst lückenlos alle je produzierten Modelle auf Hochglanz poliert, der Nachwelt präsentiert. BMW in München, Porsche und Daimler in Stuttgart oder Audi in Ingolstadt haben edle Gebäude erschaffen, um ihren historischen Schatz zu beherbergen und zu präsentieren.

Daimler Benz Museum Stuttgart (Februar 2018)

Neben diversen Verkehrsmuseen präsentieren auch zahlreiche Betreiber des Öffentlichen Verkehrs in den Städten und Gemeinden ihre Unternehmensgeschichte, ihre Dienstleistung für die Kommunen in Form von historischen Fahrzeugen wie Straßenbahnen, Autobussen, Obussen oder sonstigen Fahrzeugen und Gerätschaften. Nach dem Grundsatz, dass ein Museum auch möglichst lebendig und authentisch sein soll, kommen diese historisch wertvollen Oldtimer vielerorts auch im Rahmen von Sonderfahrten zum Einsatz, was sich bei jung und alt großer Beliebtheit erfreut.

Salzburg, die Obushauptstadt Europas, hat zwar bis dato kein Museum für die Obusse und Autobusse, aber der im Jahr 2002 gegründete Verein Pro Obus Salzburg hat es sich zur Aufgabe gemacht, historische Fahrzeuge vor der Schrottpresse zu retten, zu restaurieren und der Nachwelt zu bewahren. Durch engagierte ehrenamtliche Tätigkeit konnte so ein kleiner historischer Fuhrpark entstehen und einige weitere Fahrzeuge sind in Aufarbeitung. Bis dato war der Verein mit seinen historischen Fahrzeugen – wie es auch in anderen Städten üblich ist – örtlich und logistisch bei den kommunalen Verkehrsbetrieben angesiedelt, in Salzburg in der Zentralgarage in der Alpenstraße angesiedelt. Diese sollte ja zum Autobahnknoten Salzburg Mitte übersiedeln, es gab auch schon ein Siegerprojekt des Architektenwettbewerbs, aber Salzburg wäre nicht Salzburg wenn daraus etwas geworden wäre.

Das prämierte aber nicht umgesetzte Siegerprojekt für die neue Obusgarage Knoten Salzburg Mitte (Foto 7.2.2018)

Und plötzlich kommt im Frühjahr 2021 vom Betreiber des Salzburger Obus, dem Energiekonzern Salzburg AG, bei dem die Verkehrssparte als ungeliebtes Anhängsel mitläuft, die Ansage, man habe für die historischen Fahrzeuge keinen Platz mehr in der Zentralgarage, sie müssen weg.

Das ist offenbar der Dank dafür, dass der rührige Verein Pro Obus Salzburg vor 3 Jahren mit seinen historischen Fahrzeugen dem Obusbetreiber, der Salzburg AG, im Regelbetrieb über Wochen ausgeholfen hat, da durch offensichtliches Missmanagement des Betreibers die Obusflotte nicht mehr voll einsatzfähig war.

Trotz politischer Interventionen für den Verbleib des historischen Erbes in der Garage Alpenstraße, u.a. durch Verkehrslandesrat Schnöll, bleibt das Management der Salzburg AG (Vorstand ist Leonhard Schitter) bei der Delogierung seiner Unternehmensgeschichte, offenbar koste es was es wolle, dh. auch wenn die Sammlung zerstört werden sollte.

Sollte nicht ein Wunder – sprich ein Ordnungsruf seitens des Eigentümers (Land und Stadt Salzburg) – erfolgen, so ist der Verein ab August/September obdachlos. Wie zu hören ist, gibt es eine Notlösung, wenngleich nicht gerade eine optimale – die Fahrzeuge sollen in eine Halle in Grödig verfrachtet werden, allerdings hat man von dort bis zum nächsten Fahrdraht in der Birkensiedlung ca. 3 km zu überwinden, nicht optimal für spontane Nostalgiefahrten und auch nicht, um ggf. einer wieder mal nicht einsatzklaren Obusflotte zu Hilfe zu eilen. Der verlängerte 5er bis Grödig/St. Leonhard fährt ja ab der Birkensiedlung mit Batterie. Und Kosten von kolportierten 3.000 Euro pro Monat kommen auch auf den Verein zu – dieses Geld, so vorhanden, wäre sicher besser für die Instandhaltung und weitere Aufarbeitung der Fahrzeuge angelegt!


Fazit

Wie so oft in den letzten Jahren ist einmal mehr das Management der Salzburg AG negativ in der Schlagzeilen der Presse. Aber offenbar ist man dort hart im Nehmen und scheint Alles aussitzen zu wollen. Hier ist nun wirklich die Politik gefordert: Die Verkehrssparte muss schleunigst dem Einfluss- und Machtbereich der Salzburg AG entzogen werden, damit nicht noch mehr Schaden für den Öffentlichen Verkehr in der Stadt Salzburg entsteht. Diese Herauslösung vom Energieriesen und Organisierung in einer eigenständigen Gesellschaft war ja auch seitens der Politik angedacht, wurde aber aus welchen Gründen auch immer aktuell abgesagt, sprich auf die in Österreich seit Maria Theresia so berühmt berüchtigte Lange Bank geschoben. Hier gibt es akuten Handlungsbedarf!


Forderung

Im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung des Öffentlichen Verkehrs muss schleunigst die Verkehrssparte von der Salzburg AG und deren Management weg in eine eigenständige Gesellschaft ausgegliedert werden. Das historische Erbe, sprich die historischen Fahrzeuge samt den ehrenamtlichen Mitarbeitern, müssen im Umfeld des Verkehrsbetrieb angesiedelt sein und dort nicht nur toleriert sondern auch wertgeschätzt werden! Die Fahrzeugsammlung und das Wirken der Leute von Pro Obus Salzburg sollte auf alle Fälle auch aufgewertet werden durch die Etablierung eines Fahrzeugmuseums (ggf. auch gemeinsam mit dem Autobusbetreiber Albus bzw. der Salzburger Lokalbahn). Also lernen wir doch auch im Öffentlichen Verkehr von den Automobilkonzernen und geben wir dem historischen Erbe des Öffentlichen Verkehrs mehr Raum und Stellenwert. „Glück auf“ für  ein öffentlich zugängliches Verkehrsmuseum in der Stadt Salzburg!


Ergänzende Fotos

Folgende historischen Obusse sind betriebsfähig im Besitz des Vereins:

  1. 109: Steyr STS 11 HU (Soloobus), Baujahr 1989
  2. 123: Uerdingen Henschel ÜHIIIs (Soloobus, mit Schaffnersitz) ex. Solingen 40 – Leihgabe, Baujahr 1957
  3. 178: Gräf & Stift GE 110 M16 (Gelenkobus), Baujahr 1985
  4. 220: Gräf & Sitft GE 112 M16 (Gelenkobus, mit Schaffnersitz) ex Kapfenberg MVG 25, Baujahr 1989
Steyr 109 in der Garage Alpenstraße (3.10.2015)
Uerdinger 123 mit Anhänger Nummer 31 (Baujahr 1940) im Salzburger Messezentrum (18.1.2014)
Obus 176 in der Garage Alpenstraße bricht zu einer Sonderfahrt auf (3.10.2015)
Restaurierungsprojekt: Gräf & Stift EO I (Baujahr 1948, Soloobus). An solche Busse kann ich mich noch gut in meiner Kindheit erinnern (Foto 9.3.2015 in der Garage Alpenstraße)

Links

Webseite Pro Obus Salzburg >>>

DEEF-Beitrag über den Salzburger Obus >>>

DEEF-Kategorie Obus in Europa >>>


Text / Fotos / Videos copyright DEEF / Dr. Michael Alexander Tiberius Populorum

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Bericht von: Dr. Michael Alexander Tiberius Populorum, Chefredakteur Railway & Mobility Research Austria / DEEF

Erstmals Online publiziert: 25. Juli 2021; Letzte Ergänzung: –