Brennerbahn Wanderung Brenner-Gossensass Teil 4

Vom Brenner nach Gossensass – eine eisenbahnarchäologische Wanderung durch das frühlingshafte Wipp- und Pflerschtal (Teil 4)

Eisenbahn-Archäologie Brenner Gossensass Pflerschtunnel Aster Tunnel
Ca. 100 m im 761 m langen Kehrtunnel von Ast (Aster Tunnel) drinnen. Dann kehrte ich um. Durchgefahren bin ich ja sowieso -zig Male. Foto Archiv Dr. Michael Populorum

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Teil 4: Pflerschtunnel – Gossensass

Während man zu Fuß oder mit dem Auto von Schelleberg die ca. 170 Höhenmeter schnell in der Direttissima bewältigen kann, folgt der Radweg der alten Trasse, die sich noch einige Kilometer an der Lehne taleinwärts zieht, um dann im alten Pflerschertunnel um 180 Grad wieder talauswärts Richtung Gossensass zu schwenken.

Zur Linienführung der Brennerbahn in das Pflerschertal bemerkte die k.k. priv. Südbahngesellschaft in ihrem Werk „Die Südbahn und ihr Verkehrsgebiet in Österreich-Ungarn“ u.a. folgendes (zitiert bei Dultinger „Die Brennerbahn“ 1980, S. 31-32):

Manche Passagiere verlassen den Zug (in Schelleberg) und legen den Weg hinunter nach Gossensaß zu Fuß zurück, sie haben unten gerade noch Zeit, ein Glas Bier zu trinken, bis der Train den weiten Umweg in das Pflerschtal durchfahren hat …. Nach kaum viertelstündiger Fahrt ist Gossensaß erreicht, und die von Schelleberg zu Fuß herabgekommenen Reisenden können nun wieder nach dem vergnüglichen Intermezzo den Zug besteigen, das heißt, falls sie denselben nicht etwa bei einigen Krügel Gossensasser Eigenbräu glücklich versäumt haben“.

Langer Weg dafür geringe Neigung.

Unterhalb der alten Trasse sieht man die Gleise und hört das Scheppern der Güterzüge. Die Sonne hat zwischenzeitlich ihre Kraft entwickelt und mit Blick in Marschrichtung direkt auf den 3.097 m hohen Pflerscher Tribulaun (Stubaier Alpen) komme ich noch an zwei verfallenden Häuschen vorbei sowie einer Signalanlage, die nun funktionslos neben dem Radweg steht. Hat man sie bewußt als Denkmal, als Artefakt vergessen oder war man schlampig? Der Eisenbahnfreund ist aber glücklich über solche Artefakte.

Eisenbahn-Archäologie Brenner Gossensass Pflerschtunnel Aster Tunnel
Eine erhaltene Signalanlage zwischen Schelleberg und dem alten Pflerschtunnel
Eisenbahn-Archäologie Brenner Gossensass Pflerschtunnel Aster Tunnel
Eine erhaltene Signalanlage zwischen Schelleberg und dem alten Pflerschtunnel

Dann kam ich zum schon angesprochenen alten Pflerschtunnel (Tunnel von Ast, Aster-Tunnel) (Galleria Fleres, galleria ferroviaria ast), dem 761 m langen Kehrtunnel und Locus Typicus (1. Eisenbahkehrtunnel der Welt) für zahlreiche nachfolgend so gebaute Tunnel (Pendant auf der Nordrampe der Kehrtunnel von St. Jodok). Der auch Aster-Tunnel genannte Tunnel wurde am 20. Dezember 1866 durchschlagen, der Bau war mit Schwierigkeiten und Todesopfern verbunden. Gut kann ich mich noch an diesen Tunnel von meinen zahlreichen Italienfahrten her erinnern, allerdings war mir damals weder Name noch Geschichte bekannt. Der Radweg führt um den Tunnel herum. Aus dem Inneren der finsteren Röhre dröhnte Motorgeräusch heraus und Licht blendete mich.

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Der Radweg biegt links von der durch eine Steinschlaggalerie in den alten Pflerschtunnel (Aster Tunnel) führenden Eisenbahntrasse ab. Die Steinschlaggalerie sowie der Anfang des Tunnels wird zum Unterstellen von landwirtschaftlichen Maschinen genutzt (ähnlich wie auf der alten Tauernbahn)
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Der alte Aster Tunnel, ein Kehrtunnel
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Steinschlaggalerie Aster Tunnel
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Kabel- und Schalterreste in einer Tunnelnische

Ich holte vorerst meine kleine Taschenlampe heraus und marschierte ca. 100 Meter hinein. Dort traf ich den „Bauer von Ast“ , der mit seinem Traktor den im Tunnel noch vorhandenen Eisenbahnschotter für seinen Hausumbau rausholte. Wir unterhielten uns und ich fragte ob man durchgehen kann. Er antwortete, prinzipiell ja aber nur auf meine eigene Verantwortung, der Tunnel sei nämlich nicht nur dunkel sondern auch lang, an die 800 Meter. ich fragte, ob er schon mal durchgegangen sei. „Ja, öfter“, sagte der Senior, er war bei der Eisenbahn und Streckengeher und da auch für den Pflerschertunnel verantwortlich. Von ihm erfuhr ich auch dann den Weg außenrum zum anderen Tunnelportal sowie zum neuen Tunnel. Weiters, daß sie den alten Tunnel etwas abgeschremmt hätten, damit die RoLa durchpasst. Und der neue Tunnel hat mit sich gebracht, daß die Wasserquelle für den Ortsteil Ast versiegt ist, die fließt jetzt über den neuen Tunnel ab und sie mußten an die Ortswasserleitung angeschlossen werden. Porca miseria oder tirolerisch Sauerei.

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Beim alten und neuen Tunnelmaul liegt der Weiler Ast im Pflerschtal. Herrliches Fleckerl Erde und touristisch nicht überlaufen
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Beim alten und neuen Tunnelmaul liegt der Weiler Ast im Pflerschtal. Herrliches Fleckerl Erde und touristisch nicht überlaufen

Ich dachte mir, wenn jetzt Elob, der Recke von S. da wäre, dann wäre es kein Problem mit dem Durchgehen. Aber alleine ist es eher riskant, da findet einem keiner, wenn man bspw. strauchelt und sich verletzt. Und event. taucht ja ein riesiger „Tunnelmolch“ auf und versucht mich zu fressen..Ausserdem kam mir in Erinnerung, daß im alten Pflerschertunnel zahlreiche Menschen ihr Leben lassen mußten – nicht nur beim Bau (bedingt durch Einbrüche), sondern es kam offenbar auch im 1. Weltkrieg zu einem Unglück mit zahlreichen Toten. Also eroberte ich dieses längste „ferrovaginale Artefakt“ auf der gesamten alten Brennerstrecke nur teilweise.

Ich schoss also einige Fotos und machte mich außen rum auf den Weg zu den Tunnelmäulern des alten und des neuen Pflerschertunnels, die in nur wenigen hundert Metern Abstand zu finden sind.

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In einem tiefen Graben mit sehr steilen Hängen tritt das langsam zuwachsende Maul des Aster Tunnel (alten Pflerschertunnel) zutage. Ein kleines Rinnsal tritt heraus. Früher gab es mehr Wasseraustritte, das rinnt jetzt zum neuen Tunnel, wie mir der „Bauer von Ast“, der alte Streckengeher, erzählte.
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Ein Telefonhäuschen wie an Portalen von längeren Tunneln üblich, rostet vor sich hin. Nahe der Einmündung in die neue Strecke steht noch ein einsamer Mast (nur von der neuen Strecke aus sichtbar)
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E 405-026 schießt aus dem Maul des neuen Pflerschtunnels heraus. Anders als bei uns in Österreich finden sich sowohl bei den Tunnelportalen wie den beiden Umspannwerken megaviele Videokameras. Aber richtig so, wir in A sind wohl noch zu blond und blauäugig und verdrängen event. Anschlagsszenarien. Beim Bau des Tunnels gab es große Schwierigkeiten (Wassereinbrüche etc.), sodass die Bauzeit 14! Jahre betrug
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Wunderbarer Blick in das weitgehend unberührte Pflerschtal gen Talschluß (Innerpflersch). Im Hintergrund die Dreitausender des Alpenhauptkamms (Stubaier Alpen) mit dem Pflerscher Tribulaun
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Die Eisenbahn spielt eine Rolle im Bewußtsein der Kinder in der Grundschule Außerpflersch – Gemälde über dem Schuleingang. Dabei ist die Haltestelle Pflersch Geschichte, ähnlich wie am Nordportal beim Brennerbad wurden auch hier alle Gebäude abgerissen. Ähnlich unsensibel wurde bei der Errichtung der neuen Anlagen (Umspannwerk) vorgegangen – ein architektonisches Nirvana.

Müde von der Wanderung aber befriedigt vom Erlebten wanderte ich dann entlang des Bachweges entlang des Pflerscherbaches nach Gossensass (Gemeinde Brenner).

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Alter TI Wendezug zwischen Gossensass und dem neuen Pflerschtunnel

Leider hatte der von mir angesteuerte Moarwirt Ruhetag – sakradi, und so hatte ich mich auf ein „Nockentris“ mit Schlutzer und Co. gefreut. Nach einem kurzen Rundgang durch den alten Bergwerksort (bedeutende Silberminen im Mittelalter, sehenswert die „Barbarakapelle“ sowie das sehr umstrittene Beinhaus der italienischen Faschisten) habe ich in der Pizzeria Europa Spaghetti Bolognese und dazu einen Salat gefuttert. Keine wirkliche Offenbarung, aber in Ordnung und ich hatte großen Hunger. Das Forstbier löschte meinen Durst vorerst, auch wenn hier die Unsitte eines 0,4 Literglases für ein großes Bier anzutreffen war.

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Kirche mit Barbarakapelle in Gossensass. Nettes Städtchen, das die meisten nur vom Durchrasen kennen – ein Fehler, denn der Weg ist das Ziel! Ob es was wird mit dem angedachten Thermentourismus?

Die Fahrkarte retour zum Brenner löste ich schon vorher und entwerte sie auch gleich, denn vergessen kann in Italien teuer werden. Fahrtkosten 2,50 Euro.

Die Bar im Bahnhof Gossensass ist aktiv, aber zumindest der Außenbereich, wo auch Leute saßen, machte einen eher verwahrlosten Eindruck. Aber sowas kann auch ganz reizvoll sein. Ein Güterzug donnerte durch, unmittelbar neben den Tischen der Bar im Außenbereich. Heftig.

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Der rechte hözerne Salattlteil beherbergt die Bar – zumindest der Außenbereich wirkt etwas verwahrlost. Aber ein Lob auf jede noch vorhandene Bahnhofswirtschaft

Der Bahnhof an sich ist gut erhalten, wobei allerdings der offenbar neuer errichtete Mittelbahnsteig sehr gefährlich ist – die Steinplatten sind völlig uneben und noch dazu wackeln sie und die Züge donnern unmittelbar daneben durch. Da hilft es auch nicht, wenn man die laufend propagierte „Gelbe Linie“ nicht überschreitet wenn man dahinter strauchelt und dann über die Linie fliegt. So ein Missstand scheint bei uns (noch) undenkbar zu sein. Der Schalter ist unbesetzt, für Tickets, die nicht aus dem lokalen Automaten gelöst werden können, muss man eine kostenpflichtige Hotline anrufen. Ein Unding.

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Der Schalter permanent geschlossen und Fernverkehrstickets nur über eine Hotline zu bekommen. Ein Unding
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Gut erhalten der Bahnhof von Gossensass. Nur der neuere Mittelbahnsteig kann zur tödlichen Falle werden
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Mit diesem Gefährt geht es um 17.08 zurück auf den Brenner
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Bahnhof Gossensass mit Regionalzug Richtung Brenner auf Gleis 2

Die Rückfahrt

Mit dem Regionale um 17.08 dann retour, um diese Tageszeit geht alle halbe Stunde ein Zug, ansonsten mindestens stündlich. Die Fahrt erinnert mich an meine Reisen weiter in den Süden, wo die damals orangen Regionale auch so mit Karacho durch die Tunnels gebraust sind, die Fenster oft offen, ein Höllenspektakel. Jetzt sind die Züge grün und blau aber offenbar aufgrund der Leichtbauweise recht laut. Ich möchte nicht wissen was passiert, wenn es so ein Leichtmetallding im Pflerschertunnel „zerlegt“ und dann vielleicht noch ein schwerer Güterzug entgegenkommt. Überhaupt mit Steuerwagen voraus, der wirkt ja schon so total filigran.

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Rechts vom Mundloch stand ich vorhin. Nun brause ich mit dem filigranen Steuerwagen voran gleich in das Tunnelmaul des neuen Pflerschertunnels hinein. Tunnelrettungszug habe ich nirgendwo gesehen…

Nach dem Ritt durch den neuen Pflerschertunnel am Brenner dann nicht den löblicherweise immer sofort verkehrenden Anschlußzug am nördlichen Stumpfgleis nach Innsbruck genommen, sondern der Bahnhofs-Bar einen Besuch abgestattet. Die Chefin hat das Etablissement vor 5 Jahren übernommen und kam bei der FS, der der Bahnhof ja gehört, deshalb zum Zug, weil sie eine Renovierung der alten heruntergekommenen Spelunke versprach. Das Merlotachterl vom Faß kostet 1.- Euro, sehr löblich. Dazu gibt es noch gratis so kleine Gaumenkitzler wie Parmesan und scharfe Pfefferoni und Pasten. Die Bar hat keinen Ruhetag und ist Anlaufstelle für die Einheimischen sowie der österreichischen Polizei und der italienischen Carabinieri.

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Auch noch am Leben wenngleich nicht mehr die alte Spelunke – die Bar am Bahnhof Brenner
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Innenansicht Bahnhofsbar am Brenner. Gut zu wissen, daß diese 7 Tage die Woche offen hat. Nota bene: Die Bar ist nun (Stand 2025) schon seit einigen Jahren zu. (Corona??). Alternative Pizzeria/Ristorante Vecchia Locomotiva, gleich in der Nähe

Eine halbe Stunden später ging es ab in Richtung Heimat. Im EC (österreichische Garnitur) dann noch Ausweiskontrolle durch einen Haufen Polizisten, die löblicherweise wegen der „Tunesieraffäre“ verstärkt kontrollierten. Wobei ich nicht annehme und auch nicht hoffe, daß sie mich für einen aus dem Maghreb gehalten haben.

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Text / Fotos / Videos copyright DEEF / Dr. Michael Alexander Tiberius Populorum

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Bericht von: Dr. Michael Alexander Tiberius Populorum, Chefredakteur Railway & Mobility Research Austria / DEEF

Erstmals Online publiziert: / page first published April 2011; Seiten-Relaunch 5.1.2925; Letzte Ergänzung / page last modified 5.1.2025