Brennerbahn Wanderung Bozen-Waidbruck Teil 1

Die alte Brennerbahn – Eine eisenbahnarchäologische Wanderung von Bozen nach Waidbruck (Teil 1)

Brennerbahn Eisenbahn Archäologie Exkursion Bozen-Waidbruck Südtirol
Bahnhof Bozen mit dem langgezogenen Gebäude und dem markanten Turm. Dem „Silberpfeil“ Frecciargento ETR 485 werden für die Fahrt nach Rom die Scheiben gewaschen (Foto vom 22. Mai 2016 Archiv Dr. Michael Populorum)

Gewidmet meinem Lehrmeister für Geographie an der Universität Salzburg
o.Univ. Prof. Dr. Helmut Heuberger 1923 – 2011
Ein aufrechter Tiroler und wahrer Freund Südtirols


Ein Reader in 4 Teilen 

  • Teil 1: Bozen – Kardaun >>>
  • Teil 2: Kardaun – Blumau >>>
  • Teil 3: Blumau – Atzwang >>>
  • Teil 4: Atzwang – Waidbruck >>>

Teil 1 Bozen – Kardaun

Der südliche Teil Tirols – man spricht auch gerne vom 11. Bundesland Österreichs – hat neben seiner Landschaft, Kultur und Kulinarik auch für den Eisenbahnfreund einiges zu bieten. Neben zahlreichen in Betrieb befindlichen Bahnstrecken gibt es auch einige komplett oder partiell stillgelegte Strecken oder Streckenabschnitte, die sich für einen eisenbahnarchäologischen Besuch anbieten. Teilbereiche der aufgelassenen Strecken sind als Rad-/Wanderwege adaptiert worden und Einheimischen wie auswärtige Gäste nutzen dieses Angebot recht zahlreich. In Österreich ist man da ja nicht gerade so klug gewesen wie in Südtirol, in Österreich hat man bspw. auf der Tauernbahn „verbrannte Erde“ hinterlassen statt die alte Bahntrasse mit ihrer Tunnels, Viadukten und Brücken einer nachhaltigen (touristischen) Nutzung zuzuführen.

Brennerbahn Eisenbahn Archäologie Exkursion Bozen-Waidbruck Südtirol
Leicht ungewaschene E 656 444 am 13.8.2011 mit einem Nachtzug am Haken im Bahnhof Bozen.

In Südtirol hatte man schon vor Jahren mit großen Erfolg einen Radweg auf der stillgelegten Ampezzaner Bahn / Dolomitenbahn (Toblach – Cortina d´Ampezzo – Calalzo) freigegeben – erst kürzlich fertiggestellt wurde der 100 km lange Eisacktalradweg Brenner-Bozen entlang bzw. auf der Trasse der alten Brennerbahn. Direkt auf der alten Trasse radeln oder wandern, durch Tunnels durch, das erlebt man auf dem Eisacktalradweg auf 2 Streckenabschnitten, nämlich:

1. Brenner / Brennero – Gossensass / Colle Isarco, wo seit 1999 der neue Pflerschtunnel die alte Strecke über Schelleberg / Moncucco überflüssig macht (Länge 15 km) siehe DEEF-Bericht >>>

2. Waidbruck / Ponte Gardena – Bozen / Bolzano, wo die beiden Neubautunnel „Schlerntunnel“ (seit 1994) und „Kardauntunnel“ (seit 1998) die alte Strecke für eine Alternativnutzung als Rad-/Wanderweg freigaben (23 km)


Ausgangspunkt für die Tour von Bozen nach Waidbruck war an einem sonnigen und warmen Herbsttag 2011 der Bahnhof von Bozen. Der Bozner Bahnhof ist der größte Südtirols und wichtigste Drehscheibe für den Nah- und Fernverkehr. In unmittelbarer Nähe liegt auch der Autobusbahnhof von Bozen, von wo das gut ausgebaute Busnetz als Ergänzung der Schienenstränge in alle Landesteile bedient wird.

Brennerbahn Eisenbahn Archäologie Exkursion Bozen-Waidbruck Südtirol
Das imposante Bahnhofsgebäude von Bozen mit dem charakteristischen Turm. Ein im Halbstundentakt verkehrender „Regionale“ wartet auf Gleis 3 auf die Abfahrt Richtung Brenner. Der Bahnhof liegt auf 266 m Meereshöhe und in Streckenkilometer 150,2 von Verona

Neben der Brennerbahn nach Norden (Österreich, Deutschland, eröffnet 1867) sowie ihrer „Verlängerung“ nach Süden nach Trient und Verona (Brennerbahn i.w.S. bzw. Südtiroler Bahn, eröffnet bereits 1859) zweigt noch die 1881 eröffnete Bozen-Meraner Bahn ab und bis zur Einstellung 1971 war der Bahnhof Bozen noch Ausgangspunkt der 1898 eröffneten Bahn ins Überetsch (Überetscherbahn nach Eppan-Kaltern). Aktuell gibt es direkte Durchbindungen von Meran – Bozen – Brenner sowie von Bozen ins Pustertal nach Innichen mit Stürzen der Züge in Franzensfeste (Fortezza).

Das aufgrund seiner Bedeutung äußerst stattlich ausgeführte Bahnhofsgebäude, erbaut 1859 in der damals noch eigenständigen und erst später an Bozen angegliederten Gemeinde Zwölfmalgreien, vereint historisch bedingt 2 Baustile in sich – zum einen die Eleganz des bürgerlichen Spätklassizismus des k.k. Originalbaus von 1859 (sichtbar im Mittelteil des Hauptgebäudes) und zum anderen pompösere Elemente des Italofaschismus seit dem Umbau von 1928 (manifestiert u.a. durch den markanten Uhrturm und die Säulen vor dem Aufnahmsgebäude strassenseitig).

Architekten (Entwurf): k.k. Bahnhof Luigi v. Negrelli Ritter von Moldelbe, Moriz Löhr; Umbau 1928 Angiolo Mazzoni. Im Gegensatz zu den zahlreichen unsensiblen „Verschlimmbesserungen“ an den Bahnhöfen und Stationen der Brennerbahn in den letzten Jahrzehnten sind die Umbauten von Mazzoni als durchaus hochwertig und gelungen zu bewerten.

Brennerbahn Eisenbahn Archäologie Exkursion Bozen-Waidbruck Südtirol
Vom Bahnhofsvorplatz aus sieht man in der „Scharte“ zwischen Turm und altem Hauptgebäude mit den 8 Säulen aus der Faschistenzeit auf den Gebirgsstock des „Rosengartens“.
Brennerbahn Eisenbahn Archäologie Exkursion Bozen-Waidbruck Südtirol
Im Mittelteil des Bahnhofs: Ausstellung „150 Jahre Bahnhof Bozen 2009“, die im Sommer 2011 immer noch vorhanden war
Brennerbahn Eisenbahn Archäologie Exkursion Bozen-Waidbruck Südtirol
In der hellen Kassenhalle des noch erhalten gebliebenen k.k. Teils des Bahnhofs
Brennerbahn Eisenbahn Archäologie Exkursion Bozen-Waidbruck Südtirol
Blick über die weitläufigen Gleisanlagen zu den teilweise schon außer Nutzung gefallenen Lokdepos von 1929 bzw. 1936 mit den auffälligen „Oberlicht Shed Dächern“

Gastronomie einst und jetzt: Die heutige Gastronomie ist vom Ambiente und vom Angebot her „unter jeder Kritik“. Bewirtschaftet von „Chef Express“, der zahlreiche „Bahnhofsrestaurants“ Italien „bewirtschaftet“ und auch die Speisewägen der FS bewirtschaftet(e). Architekt Hempel spricht von „vernachlässigter Gastronomie“.

Brennerbahn Eisenbahn Archäologie Exkursion Bozen-Waidbruck Südtirol
Bahnhofsgaststätte einst im Bahnhof Bozen

Und Hempel weiter: „Zu welch abstruser Hässlichkeit dies führen kann ist an der heutigen Ausgestaltung und Nutzung z.B. des Restaurants im Turmbau mit Grausen zu beobachten: Die repräsentative Eingangstür hat als Zugang ausgedient, stattdessen ist dort – von einer Kette gesichert – ein Getränkeautomat aufgestellt. Die Inneneinrichtung ist so verändert, daß man nur in Notfällen inmitten dieser Ungemütlichkeit bestenfalls einen Espresso im Stehen zu sich nehmen möchte. So geht es im Inneren des Bahnhofes fort – nichts lädt zum Verweilen ein. Nur weg von hier.“

Brennerbahn Eisenbahn Archäologie Exkursion Bozen-Waidbruck Südtirol
Billige Plastiksessel heute im Außenbereich

Am Bahnhofsvorplatz wendet man sich nach links und gelangt nach wenigen Minuten zum Eisack. Wendet man sich vor der Brücke stehend nach rechts, so gelangt man vorerst am Eisackufer entlang entweder nach Meran oder auf der alten Trasse der Überetscher Bahn nach Kaltern oder auf dem Rad-/Wanderweg Richtung Trient. Wir wenden uns jedoch nach links, wo auch deutlich auf den Radweg Richtung Kardaun / Waidbruck / Brenner hingewiesen wird. Der Weg bis Kardaun führt meist in Sicht- bzw. Hörweite der von Bozen nach Norden führenden Strassen.

Brennerbahn Eisenbahn Archäologie Exkursion Bozen-Waidbruck Südtirol
Der Eisacktalradweg ist gut beschildert und auch wenn er anfangs bis Kardaun teilweise direkt neben der Ausfallstrasse verläuft so fühlt man sich immer sicher
Brennerbahn Eisenbahn Archäologie Exkursion Bozen-Waidbruck Südtirol
Hier eine Unterführung mit hochwertiger Graffiti

Auch am weiteren Weg nach Norden wandert bzw. radelt man bedingt durch die Topographie nie ganz ausserhalb der Sicht- und vor allem Hörweite der Staatsstrasse und der Autobahn. Man merkt erst als Reisender auf Schusters Rappen, wie belastet diese schöne Gegend in Südtirol aber auch in Nordtirol durch den ungehemmten (LKW-) Verkehr vor allem auf der Brennerautobahn ist. Gewinnmaximierung unter dem Deckmäntelchen der Globalisierung und des freien Warenverkehrs zu Lasten der Umwelt und der hier lebenden Menschen. In diesem Kontext ist auch zu hinterfragen, wie man nach Fertigstellung des BBT Brennerbasistunnels (so er überhaupt mittelfristig fertiggestellt werden sollte) die Frächter und Unternehmen, die aktuell anstelle einer teureren stationären Lagerhaltung ihre Waren viel zu billig durch halb Europa herumkutschieren, wie man die zwingen möchte, statt auf der Strasse ihre Waren auf der Schiene zu transportieren. Ohne mehr oder weniger sanften Druck wird da wohl nichts gehen!

Brennerbahn Eisenbahn Archäologie Exkursion Bozen-Waidbruck Südtirol
Schöner Blumenschmuck auf der Brücke über den Eisack, Blick zurück Richtung Bozen
Brennerbahn Eisenbahn Archäologie Exkursion Bozen-Waidbruck Südtirol
Rechts über dem Eisack drüben führt eine Seilbahn nach Kohlern hinauf – eine alte Gondel auf dem Parkplatz zeugt von der Geschichte der Kohlerer Seilbahn – sie gilt wenn auch nicht unumstritten als die älteste Seilbahn der Welt (1908)

Aber das soll keinesfalls heißen, daß eine Wanderung oder Radltour entlang der hier beschriebenen Route nicht zu empfehlen sei, im Gegenteil, nicht nur der eisenbahnaffine Reisende wird auf seine Kosten kommen.

Projekt „Augenreise“. Der Radweg ist von Bozen bis Blumau als „Kunstradweg“ gestaltet nach dem Motto „Radln, staunen, träumen, sich freuen“.

Brennerbahn Eisenbahn Archäologie Exkursion Bozen-Waidbruck Südtirol
Plan Projekt Augenreise

Unter dem Motto „Kunst kennt keine Behinderung“ rief die Geschützte Werkstatt KIMM der Bezirksgemeinschaft Salten-Schlern im Jahr 2007 ein integratives Kunstprojekt ins Leben, an dem sich neben Künstlern und Künstlerinnen der Geschützten Werkstatt auch die Kinder des Kindergartens und der Grundschule in Kardaun sowie der Mittelschule in Blumau beteiligten.

Brennerbahn Eisenbahn Archäologie Exkursion Bozen-Waidbruck Südtirol
Immer flußaufwärts dem Eisack entlang – linker Hand verläuft in Sichtweite die Brennerbahn

Der Radweg führt einen auf 6 km Länge an 12 Skulpturen, 7 Säulen, 80 Fahnen, Zeichnungen und Wandmalereien (auch in den Tunneln) entlang.

Brennerbahn Eisenbahn Archäologie Exkursion Bozen-Waidbruck Südtirol
Die Eisackbrücke direkt am bozenseitigen Ortsanfang von Kardaun

Kardaun ist – wie bspw. auch Blumau – eine Fraktion (Ortschaft) der Gemeinde Karneid mit 3.300 Einwohnern. Der Sitz des Rathauses der Gemeinde befindet sich in Kardaun. In dem netten Dörfchen auch diverse Geschäfte sowie Bar und Gasthaus. Sehenswert in der Umgebung die auf einem steilen Felsen thronende Burg Karneid.

In Kardaun blieb verkehrstechnisch in den letzten Jahren kaum ein Stein auf dem anderen. Auf mehreren Ebenen kreuzen hier die Autobahn, die Bundesstrasse sowie die Brennerbahn, die unter der Autobahn in den neuen 1998 eröffneten 3.939 m langen Kardauntunnel eintaucht.

Die Haltestelle Kardaun der Brennerbahn ist (zumindest aktuell) Geschichte. Das kleine Holzgebäude von 1898 (Architekt wie fast für alle Stationen der Brennerstrecke Wilhelm von Flattich) stand bis in die 1990er Jahre und wurde dann abgerissen. Noch vorhanden sind ein Magazin, ein Wärterhäuschen sowie Eisenbahnerwohnhäuer.

Eine Reaktivierung der Haltestelle als Direktverbindung in das Zentrum Bozens (ohne Stau wie mit dem Bus) wäre dringend wünschenswert.

Brennerbahn Eisenbahn Archäologie Exkursion Bozen-Waidbruck Südtirol
Bereich ehemalige Haltestelle Kardaun

Weiters wurde die in Kardaun abzweigende, mittels Schranken die alte Brennerbahn übersetzende Zufahrt zur Dolomitenstraße durch das Eggental im Rahmen der Neutrassierung der Bahn durch einen Neubau mit Zufahrt von der Bozener Umgehungsstraße ersetzt.

Dieser Strassenneubau hat in diesem Bereich auch tw. die Trasse der alten Brennerbahn in Besitz genommen.

Brennerbahn Eisenbahn Archäologie Exkursion Bozen-Waidbruck Südtirol
Das Kraftwerk von Kardaun ist mit seinen mächtigen 5 Fallrohren, die zu je einer Francisturbine führen, der „Eyecatcher“ der Gegend. Bei der Eröffnung des Kraftwerks 1931 war es das größte von ganz Europa und hat auch heute noch eine sehr wichtige Stellung in der Stromerzeugung Südtirols
Brennerbahn Eisenbahn Archäologie Exkursion Bozen-Waidbruck Südtirol
Ein Unort, wo man schleunigst wieder weg möchte!
Brennerbahn Eisenbahn Archäologie Exkursion Bozen-Waidbruck Südtirol
DB ÖBB EC taucht in das Südportal des 3.939 m langen Kadauntunnels ein.
Brennerbahn Eisenbahn Archäologie Exkursion Bozen-Waidbruck Südtirol
Ausfahrt aus dem Südportal des Kardauntunnels. Der Tunnel hat im Ggs. zum Schlerntunnel keine feste Fahrbahn und verbindet seit 1998 Kardaun mit Blumau (Prato Tires)

Teil 2 der Wanderung: Kardaun – Blumau >>>

Diese spannende Eisenbahnhistorische Wanderung als Publikation

E-Book bestellen Brennerbahn Eisenbahn Archäologie Exkursion Bozen-Waidbruck Südtirol
E-Book bestellen

Details & bestellen >>>


Links

Eisenbahnarchäologische Wanderung Bozen – Waidbruck (Reader in 4 Teilen)

  • Teil 1: Bozen – Kardaun >>>
  • Teil 2: Kardaun – Blumau >>>
  • Teil 3: Blumau – Atzwang >>>
  • Teil 4: Atzwang – Waidbruck >>>

DEEF-Dokumentation über die Brennerbahn >>>

Betreiber Trenitalia >>>

DEEF Doku Eisenbahnarchäologische Wanderung Brenner – Gossensass (4 Teile) >>>


Besuchen Sie auch unseren Video-Kanal – Join our Video-Channel
https://www.youtube.com/@Railways-Ropeways-of-Europe 


Text / Fotos / Videos copyright DEEF / Dr. Michael Alexander Tiberius Populorum

Sollten Sie Anregungen zu den Projekten haben oder eigene Beiträge oder Fotos präsentieren wollen, so freuen wir uns auf eine Kontaktaufnahme. Haben Sie einen Fehler entdeckt? Bitte um Info >

redaktion@dokumentationszentrum-eisenbahnforschung.org


Bericht von: Dr. Michael Alexander Tiberius Populorum, Chefredakteur Railway & Mobility Research Austria / DEEF

Erstmals Online publiziert: / page first published 27. Dezember 2011; Seiten-Relaunch 6.1.2925; Letzte Ergänzung / page last modified 6.1.2025