Die alte Brennerbahn – Eine eisenbahnarchäologische Wanderung von Bozen nach Waidbruck (Teil 1)

Gewidmet meinem Lehrmeister für Geographie an der Universität Salzburg
o.Univ. Prof. Dr. Helmut Heuberger 1923 – 2011
Ein aufrechter Tiroler und wahrer Freund Südtirols
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- Teil 1: Bozen – Kardaun >>>
- Teil 2: Kardaun – Blumau >>>
- Teil 3: Blumau – Atzwang >>>
- Teil 4: Atzwang – Waidbruck >>>
Teil 1 Bozen – Kardaun
Der südliche Teil Tirols – man spricht auch gerne vom 11. Bundesland Österreichs – hat neben seiner Landschaft, Kultur und Kulinarik auch für den Eisenbahnfreund einiges zu bieten. Neben zahlreichen in Betrieb befindlichen Bahnstrecken gibt es auch einige komplett oder partiell stillgelegte Strecken oder Streckenabschnitte, die sich für einen eisenbahnarchäologischen Besuch anbieten. Teilbereiche der aufgelassenen Strecken sind als Rad-/Wanderwege adaptiert worden und Einheimischen wie auswärtige Gäste nutzen dieses Angebot recht zahlreich. In Österreich ist man da ja nicht gerade so klug gewesen wie in Südtirol, in Österreich hat man bspw. auf der Tauernbahn „verbrannte Erde“ hinterlassen statt die alte Bahntrasse mit ihrer Tunnels, Viadukten und Brücken einer nachhaltigen (touristischen) Nutzung zuzuführen.

In Südtirol hatte man schon vor Jahren mit großen Erfolg einen Radweg auf der stillgelegten Ampezzaner Bahn / Dolomitenbahn (Toblach – Cortina d´Ampezzo – Calalzo) freigegeben – erst kürzlich fertiggestellt wurde der 100 km lange Eisacktalradweg Brenner-Bozen entlang bzw. auf der Trasse der alten Brennerbahn. Direkt auf der alten Trasse radeln oder wandern, durch Tunnels durch, das erlebt man auf dem Eisacktalradweg auf 2 Streckenabschnitten, nämlich:
1. Brenner / Brennero – Gossensass / Colle Isarco, wo seit 1999 der neue Pflerschtunnel die alte Strecke über Schelleberg / Moncucco überflüssig macht (Länge 15 km) siehe DEEF-Bericht >>>
2. Waidbruck / Ponte Gardena – Bozen / Bolzano, wo die beiden Neubautunnel „Schlerntunnel“ (seit 1994) und „Kardauntunnel“ (seit 1998) die alte Strecke für eine Alternativnutzung als Rad-/Wanderweg freigaben (23 km)
Ausgangspunkt für die Tour von Bozen nach Waidbruck war an einem sonnigen und warmen Herbsttag 2011 der Bahnhof von Bozen. Der Bozner Bahnhof ist der größte Südtirols und wichtigste Drehscheibe für den Nah- und Fernverkehr. In unmittelbarer Nähe liegt auch der Autobusbahnhof von Bozen, von wo das gut ausgebaute Busnetz als Ergänzung der Schienenstränge in alle Landesteile bedient wird.

Neben der Brennerbahn nach Norden (Österreich, Deutschland, eröffnet 1867) sowie ihrer „Verlängerung“ nach Süden nach Trient und Verona (Brennerbahn i.w.S. bzw. Südtiroler Bahn, eröffnet bereits 1859) zweigt noch die 1881 eröffnete Bozen-Meraner Bahn ab und bis zur Einstellung 1971 war der Bahnhof Bozen noch Ausgangspunkt der 1898 eröffneten Bahn ins Überetsch (Überetscherbahn nach Eppan-Kaltern). Aktuell gibt es direkte Durchbindungen von Meran – Bozen – Brenner sowie von Bozen ins Pustertal nach Innichen mit Stürzen der Züge in Franzensfeste (Fortezza).
Das aufgrund seiner Bedeutung äußerst stattlich ausgeführte Bahnhofsgebäude, erbaut 1859 in der damals noch eigenständigen und erst später an Bozen angegliederten Gemeinde Zwölfmalgreien, vereint historisch bedingt 2 Baustile in sich – zum einen die Eleganz des bürgerlichen Spätklassizismus des k.k. Originalbaus von 1859 (sichtbar im Mittelteil des Hauptgebäudes) und zum anderen pompösere Elemente des Italofaschismus seit dem Umbau von 1928 (manifestiert u.a. durch den markanten Uhrturm und die Säulen vor dem Aufnahmsgebäude strassenseitig).
Architekten (Entwurf): k.k. Bahnhof Luigi v. Negrelli Ritter von Moldelbe, Moriz Löhr; Umbau 1928 Angiolo Mazzoni. Im Gegensatz zu den zahlreichen unsensiblen „Verschlimmbesserungen“ an den Bahnhöfen und Stationen der Brennerbahn in den letzten Jahrzehnten sind die Umbauten von Mazzoni als durchaus hochwertig und gelungen zu bewerten.




Gastronomie einst und jetzt: Die heutige Gastronomie ist vom Ambiente und vom Angebot her „unter jeder Kritik“. Bewirtschaftet von „Chef Express“, der zahlreiche „Bahnhofsrestaurants“ Italien „bewirtschaftet“ und auch die Speisewägen der FS bewirtschaftet(e). Architekt Hempel spricht von „vernachlässigter Gastronomie“.

Und Hempel weiter: „Zu welch abstruser Hässlichkeit dies führen kann ist an der heutigen Ausgestaltung und Nutzung z.B. des Restaurants im Turmbau mit Grausen zu beobachten: Die repräsentative Eingangstür hat als Zugang ausgedient, stattdessen ist dort – von einer Kette gesichert – ein Getränkeautomat aufgestellt. Die Inneneinrichtung ist so verändert, daß man nur in Notfällen inmitten dieser Ungemütlichkeit bestenfalls einen Espresso im Stehen zu sich nehmen möchte. So geht es im Inneren des Bahnhofes fort – nichts lädt zum Verweilen ein. Nur weg von hier.“

Am Bahnhofsvorplatz wendet man sich nach links und gelangt nach wenigen Minuten zum Eisack. Wendet man sich vor der Brücke stehend nach rechts, so gelangt man vorerst am Eisackufer entlang entweder nach Meran oder auf der alten Trasse der Überetscher Bahn nach Kaltern oder auf dem Rad-/Wanderweg Richtung Trient. Wir wenden uns jedoch nach links, wo auch deutlich auf den Radweg Richtung Kardaun / Waidbruck / Brenner hingewiesen wird. Der Weg bis Kardaun führt meist in Sicht- bzw. Hörweite der von Bozen nach Norden führenden Strassen.


Auch am weiteren Weg nach Norden wandert bzw. radelt man bedingt durch die Topographie nie ganz ausserhalb der Sicht- und vor allem Hörweite der Staatsstrasse und der Autobahn. Man merkt erst als Reisender auf Schusters Rappen, wie belastet diese schöne Gegend in Südtirol aber auch in Nordtirol durch den ungehemmten (LKW-) Verkehr vor allem auf der Brennerautobahn ist. Gewinnmaximierung unter dem Deckmäntelchen der Globalisierung und des freien Warenverkehrs zu Lasten der Umwelt und der hier lebenden Menschen. In diesem Kontext ist auch zu hinterfragen, wie man nach Fertigstellung des BBT Brennerbasistunnels (so er überhaupt mittelfristig fertiggestellt werden sollte) die Frächter und Unternehmen, die aktuell anstelle einer teureren stationären Lagerhaltung ihre Waren viel zu billig durch halb Europa herumkutschieren, wie man die zwingen möchte, statt auf der Strasse ihre Waren auf der Schiene zu transportieren. Ohne mehr oder weniger sanften Druck wird da wohl nichts gehen!


Aber das soll keinesfalls heißen, daß eine Wanderung oder Radltour entlang der hier beschriebenen Route nicht zu empfehlen sei, im Gegenteil, nicht nur der eisenbahnaffine Reisende wird auf seine Kosten kommen.
Projekt „Augenreise“. Der Radweg ist von Bozen bis Blumau als „Kunstradweg“ gestaltet nach dem Motto „Radln, staunen, träumen, sich freuen“.

Unter dem Motto „Kunst kennt keine Behinderung“ rief die Geschützte Werkstatt KIMM der Bezirksgemeinschaft Salten-Schlern im Jahr 2007 ein integratives Kunstprojekt ins Leben, an dem sich neben Künstlern und Künstlerinnen der Geschützten Werkstatt auch die Kinder des Kindergartens und der Grundschule in Kardaun sowie der Mittelschule in Blumau beteiligten.

Der Radweg führt einen auf 6 km Länge an 12 Skulpturen, 7 Säulen, 80 Fahnen, Zeichnungen und Wandmalereien (auch in den Tunneln) entlang.

Kardaun ist – wie bspw. auch Blumau – eine Fraktion (Ortschaft) der Gemeinde Karneid mit 3.300 Einwohnern. Der Sitz des Rathauses der Gemeinde befindet sich in Kardaun. In dem netten Dörfchen auch diverse Geschäfte sowie Bar und Gasthaus. Sehenswert in der Umgebung die auf einem steilen Felsen thronende Burg Karneid.
In Kardaun blieb verkehrstechnisch in den letzten Jahren kaum ein Stein auf dem anderen. Auf mehreren Ebenen kreuzen hier die Autobahn, die Bundesstrasse sowie die Brennerbahn, die unter der Autobahn in den neuen 1998 eröffneten 3.939 m langen Kardauntunnel eintaucht.
Die Haltestelle Kardaun der Brennerbahn ist (zumindest aktuell) Geschichte. Das kleine Holzgebäude von 1898 (Architekt wie fast für alle Stationen der Brennerstrecke Wilhelm von Flattich) stand bis in die 1990er Jahre und wurde dann abgerissen. Noch vorhanden sind ein Magazin, ein Wärterhäuschen sowie Eisenbahnerwohnhäuer.
Eine Reaktivierung der Haltestelle als Direktverbindung in das Zentrum Bozens (ohne Stau wie mit dem Bus) wäre dringend wünschenswert.

Weiters wurde die in Kardaun abzweigende, mittels Schranken die alte Brennerbahn übersetzende Zufahrt zur Dolomitenstraße durch das Eggental im Rahmen der Neutrassierung der Bahn durch einen Neubau mit Zufahrt von der Bozener Umgehungsstraße ersetzt.
Dieser Strassenneubau hat in diesem Bereich auch tw. die Trasse der alten Brennerbahn in Besitz genommen.




Teil 2 der Wanderung: Kardaun – Blumau >>>
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Links
Eisenbahnarchäologische Wanderung Bozen – Waidbruck (Reader in 4 Teilen)
- Teil 1: Bozen – Kardaun >>>
- Teil 2: Kardaun – Blumau >>>
- Teil 3: Blumau – Atzwang >>>
- Teil 4: Atzwang – Waidbruck >>>
DEEF-Dokumentation über die Brennerbahn >>>
Betreiber Trenitalia >>>
DEEF Doku Eisenbahnarchäologische Wanderung Brenner – Gossensass (4 Teile) >>>
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Text / Fotos / Videos copyright DEEF / Dr. Michael Alexander Tiberius Populorum
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Bericht von: Dr. Michael Alexander Tiberius Populorum, Chefredakteur Railway & Mobility Research Austria / DEEF
Erstmals Online publiziert: / page first published 27. Dezember 2011; Seiten-Relaunch 6.1.2925; Letzte Ergänzung / page last modified 6.1.2025
