Vom Brenner nach Gossensass – eine eisenbahnarchäologische Wanderung durch das frühlingshafte Wipp- und Pflerschtal (Teil 2)

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- Teil 1: Am Brenner >>>
- Teil 2: Brennerbad >>>
- Teil 3: Schelleberg/Moncucco >>>
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Teil 2: Brennerbad
Nach der „Erkundung“ des Bahnhofsbereichs am Brenner inklusive Fotodoku, was in Summe fast eine Stunde in Anspruch nahm, begab ich mich auf Schusters Rappen zum südlichen Ortsrand der Ansiedlung Brenner, wo erfreulicherweise seit kurzem der letzte Lückenschluss des Radwegs erfolgte und der Schotterweg durch Asphalt ersetzt wurde.

Brennerbahn – auf den Spuren der alten Brennerbahn vom Brenner bis nach Gossensaß. Dr. Michael Populorum, Chefredakteur DEEF Dokumentationszentrum für Europäische Eisenbahnforschung 2011Nach einem großen Willkommensschild „Willkommen in Südtirol / Alto Adige“ sehe ich schon den Pfeil, der auf den Radweg hinweist. Auch die Bunker mit den Schießscharten rechts des Weges, einst mit todbringenden Waffen gegen uns Österreicher gerichtet (die fette Beute Südtirol musste ja verteidigt werden von den Räubern), trüben die Willkommensfreude nicht, im Gegenteil, der Anblick macht klar, in welch´friedlicher Zeit wir heute (noch) leben.
Auch wenn man bis zum Brennerbad immer auf separatem Weg radeln oder wandern kann, so ist die erste Teilstrecke von ca. 5 km doch die langweiligste, geht man doch immer quasi auf dem 4. Verkehrsstrang eng angelehnt rechts der Autobahn, der Brennerbahn und der Staatsstraße (SS 12). Rechts des Radwegs fließt als kleines jungfräuliches Rinnsal der Eisack. Doch nicht nur in der Liebe ist ein intensives Vorspiel meist Garant für einen tollen Höhepunkt, auch der Wanderer muss sich seinem Höhepunkt, seinem Ziel langsam nähern, um es dann umso intensiver genießen zu können.

Der neue Pflerschertunnel ging 1999 in Betrieb und ist 7.343 m lang. Das Trassee durch den Berg verläuft nördlich der alten Trasse, welche an der Berglehne großteils offen verlief und nur im alten Pflerschertunnel, einem Kehrtunnel, länger untertage war. Vorteile des neuen Tunnels: Streckenbegradigung und somit höhere Geschwindigkeit, Schutz vor Elementarereignissen, größeres Lichtraumprofil und somit für die RoLa geeignet. Nachteile: Devastierung der Landschaft inkl. Versiegen der Quellen am Südportal im Weiler AST, höhere Lärmbelastung im Südbereich, Minderung der Reisequalität (Finsternis statt großartigem Ausblick), Risiko eines Tunnelunfalls (ich konnte keinen Sicherheitstunnel/Seitenausgang entdecken).

Das Brennerbad oder Terme di Brennero war einst ein mondänes Heilbad, welches aufgrund des regen Zuspruchs aus den „besseren Kreisen“ auch eine eigene Schnellzugsstation bekam. Dann folgte ein Grandhotel. Henrik Ipsen, Franz Lehár, Richard Strauss waren u.a. hier auf Kur. Alles ist längst Geschichte – das Grandhotel brannte schon in der Zwischenkriegszeit ab, der Bahnhof, später zur Station heruntergestuft, wurde in unsensibler Weise beim Bau des in unmittelbarer Nähe beginnenden neuen Pflerschtunnels vollkommen vernichtet. Zuvor hat schon der Bau der Autobahn den noch vorhandenen Gebäuden aus der Belle Epoque das Leben gekostet. Vorbei ist es mit der noblen „Idylle im Fichtenwäldchen“, wie die Örtlichkeit früher angepriesen wurde. Die Station Brennerbad wurde 1978 aufgelassen.
Die Sanct Zacharias Heilquelle (seit 1606) allerdings gibt es noch, welche in das zum Besuchszeitpunkt geschlossene Kurhaus geleitet wird. An alter Bausubstanz findet sich noch u.a. der traditionsreiche Gasthof Silbergasser, der allerdings wegen Umbau geschlossen war (nichts wurde es mit leckeren „Schlutzern“), daneben noch ein altes Bahnwärterhäuschen. Weiters noch eine Kapelle neben dem Kurhaus. Rechts der Bahnlinie, welche im ehemaligen Bahnhofsgelände von Brennerbad nach rechts abschwenkend in den neuen Pflerschertunnel die alte Trasse verlässt neben dem neuen Umspannwerk gibt es eine neue Abfüllanlage für die Sanct Zacharias Heilquelle.

Fazit: Der Moloch Verkehr hat die Idylle vernichtet! Ausgenommen die alte Bahntrasse, die war sensibel in die Landschaft integriert, aber die neuen Bahnbauer stehen den Autobahnbauern in punkto Unsensibilität um nichts nach – sowohl der nördliche wie südliche Tunnelbereich des neuen Pflerschertunnels wirkt unharmonisch in die Landschaft gesetzt, desaströs. Hinsichtlich der Heilquelle gibt es Bestrebungen, sie für einen neuen Thermentourismus zu nutzen und das Wasser dazu nach Gossensass zu leiten.



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Eisenbahnarchäologische Wanderung Brenner-Gossensass (Reader in 4 Teilen)
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Text / Fotos / Videos copyright DEEF / Dr. Michael Alexander Tiberius Populorum
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Bericht von: Dr. Michael Alexander Tiberius Populorum, Chefredakteur Railway & Mobility Research Austria / DEEF
Erstmals Online publiziert: / page first published April 2011; Seiten-Relaunch 4.1.2925; Letzte Ergänzung / page last modified 5.1.2025
